Polleschs Theater


René Pollesch (1962–2024) hat in Gesprächen immer wieder die prinzipielle Andersartigkeit seiner Theaterproduktion/en betont. Entsprechende Begründungen thematisierten je nach Kontext mal die Akteurs- statt Publikumsbezogenheit seiner Aufführungen, mal die kollektive Arbeitsweise, mal die Voraussetzungen dafür, damit der Inhalt von im Theater gesprochener Sprache wirksam werden kann. Die Abgrenzung von einem konventionellen Theatermodell betonte Pollesch zudem in unterschiedlichen Formulierungen und mit unterschiedlichen Haltungen von entspannt („Mich interessiert die Disziplin ‚Hamlet‘ nicht. Ich bin nicht dagegen, aber ich möchte mich mit etwas anderem beschäftigen.“) bis kämpferisch („Die Wirkungslosigkeit der Angriffe auf das konventionelle Theater bringt einen um den Verstand. Im Grunde genommen handelt es sich um einen Kulturkrieg.“) In der umfangreichen Forschungsliteratur sind vor allem sehr unterschiedliche Suchrichtungen zu erkennen, wie Polleschs Theater reflektiert wird. Von der Kommentierung der Theaterarbeit im Rahmen postdramatischer Begriffe, über die Frage nach dem Moment des Politischen zur Reflexion spezifischer Aspekte (z. B. das Prekäre, die Vielstimmigkeit, der Status des theoretischen Textes in den Aufführungen, Komik und Komödie etc.). Wiederkehrende Begriffe wie „Diskurstheater“, „Theorietheater des Nicht-Repräsentierbaren“ oder der Versuch, „das Theater von René Pollesch strukturell als Komödie zu begreifen“ (Siegmund 2022), versuchen den Grundzug von Polleschs Theater zu erfassen. Inwiefern kann das angesichts der über zweihundert Inszenierungen, die Pollesch zwischen 1999 und 2024 erarbeitet hat (rund acht Produktionen pro Jahr!), gelingen?

Zwei Jahre nach seinem Tod scheint es legitim, Konstituenten von Polleschs Theater zu thematisieren. Über welche Fragestellungen, Fokussierungen sowie Arbeitsschritte und -methoden lässt sich dieses Theatermodell verstehen und beschreiben?