Der Körpercomputer und die Cyborg-Frau. Heidi Hoh trifft Haraway
von Amba Botland

René Polleschs dreiteilige „Radikal-Soap“ Heidi Hoh lässt in ihrem zweiten Teil, Heidi Hoh arbeitet hier nicht mehr, Frau und Maschine ineinander übergehen, und zwar nicht nur metaphorisch, sondern buchstäblich (Text abgedruckt in Pollesch 2003: 29–100). Die drei ‚Heidis‘, so lässt sich einer zeitgenössischen Kritik des Hörspiels entnehmen, wollen sich als Telearbeiterinnen, oder als an einen Körpercomputer angeschlossene Mietwagen-Hostessen, ihren sonnigen Lebensstil finanzieren (Meißner 2001). Der Körper wird hier nicht mehr bloß von einem Gerät begleitet, – jenem Notebook, das Heidi Hoh „überall einstecken“ kann –, sondern wird selbst zum Computer. Kein Laptop mehr, den man lediglich mit sich herumträgt. Jetzt ist der Körper das Gerät.

1985 entwirft Haraway in ihrem Cyborg-Manifest genau diese Grundfigur: den Cyborg als kybernetischen Organismus, als Hybrid aus Maschine und Lebewesen, der ebenso Fiktion wie gelebte soziale Realität ist (vgl. Haraway 2016: 6 f.). Diese Verschmelzung von Organismus und Apparat bei Pollesch wirkt fast wie eine Veranschaulichung von Haraways Denken, so als hätte auch Haraway mitgeschrieben… wobei mancher Wortlaut dann doch nicht ganz zu ihrem Ton passt („DU FICKSAU!“).

Wo deckt sich das Motiv des Körpercomputers bei Pollesch mit Haraways Cyborg-Figur und wo weicht es von ihr ab? Ausgangspunkt sind zwei Texte: Franziska Bergmanns Analyse „Geschlecht im Neoliberalismus“, die Heidi Hoh arbeitet hier nicht mehr als Kritik an der neoliberalen Restrukturierung von Geschlechterverhältnissen und räumlichen Ordnungen liest (Bergmann 2023), und Haraways politisch-poetischer Essay „Cyborg Manifesto“, der den Cyborg nicht als Bedrohung, sondern als potenzielle feministische Handlungsmacht entwirft. Der „Körpercomputer“ veranschaulicht jene Auflösung der Grenzen zwischen privat und öffentlich, Körper und Technik, Arbeit und Freizeit, die Haraway unter dem Begriff der „informatics of domination“ fasst (Haraway 2016: 28 ff.).

Zugleich aber verweigert Pollesch seinen Figuren die ironische, spielerische Aneignung dieser Existenz. Haraways Cyborg ist als Figur bewusst positiv-ironisch gedacht. Sie sagt sinngemäß: Ja, wir sind längst Maschine-Organismus-Hybride, ja, das ist auch bedrohlich – aber genau daraus lässt sich eine neue, freie, spielerische Identität gewinnen, weil der Cyborg keine Ursprungsgeschichte, keine verlorene Ganzheit hat, zu der er zurück will. Daher auch der berühmte Schlusssatz: „I would rather be a cyborg than a goddess“ (Haraway 2016: 68).

Der Cyborg genießt seine Gebrochenheit, macht daraus ironisches Spiel und politische Handlungsmacht. Die ‚Heidis‘ bleiben in einer „endlos erscheinenden Schleife aus Befreiung und Unterwerfung“ gefangen (Bergmann 2023: 340). Sie sind technisch auch schon „Cyborgs“ – an den Körpercomputer angeschlossen, ortlos und flexibel. Aber sie erleben das nicht als befreiendes Spiel. Sie reden zwar rebellisch (Heidi nennt bürgerliche Lebensstile „widerliche Dinge“), aber jeder Befreiungsversuch kippt sofort wieder in eine neue Falle – zum Beispiel wollen sie sich von Muttergefühlen lösen, landen dann aber wieder bei: „Ich bin zu emotional, um effizient zu sein“. Genau das meint Bergmanns Formulierung von der „endlos erscheinenden Schleife aus Befreiung und Unterwerfung“: Es gibt keinen Ausgang, keine ironische Distanz, aus der heraus sie ihre Cyborg-Existenz genießen könnten – sie sind einfach gefangen darin. Bergmann (mit Bezug auf Natalie Bloch) beschreibt, dass die Performerinnen auf der Bühne buchstäblich an der Textmenge scheitern – sie können den Text nicht vollständig auswendig, verlieren den Faden, schreien, brauchen die Souffleuse. Das ist kein inhaltlicher, sondern ein körperlicher Widerstand. Nicht was sie sagen, befreit sie, sondern dass ihr Körper/ihre Stimme dem System des „reibungslosen Funktionierens“ nicht mehr folgen kann.

Haraway hat in ihrem Manifest den Begriff „Stress“ – also Kommunikationszusammenbruch, Störung im System – als die typische „Krankheit“ der informationstechnologischen Herrschaftsform genannt. Wenn ein System nur noch aus Signalübertragung besteht, dann ist der GAU nicht mehr die offene Rebellion, sondern das Rauschen, das die reibungslose Kommunikation stört. Das Scheitern bzw. Schreien der Performerinnen bei Pollesch ist strukturell genau dieses Rauschen – eine Störung im System, kein inhaltlicher Sieg. Der Unterschied ist aber: Bei Haraway wird diese Störung explizit politisch gewertet (ihre „cyborg politics“ sind ausdrücklich für das Rauschen und gegen perfekte Kommunikation). Bei Pollesch bleibt es, in Bergmanns Lesart, eher ein ohnmächtiges, „oft sehr komisches“ Aufbegehren – eher eine ratlose Rastlosigkeit als ein subversiver Akt. Erst im körperlichen Scheitern der Performerinnen selbst, im Schreien, im Versagen der Sprache, blitzt ein Rest von Widerstand auf, der sich mit Haraways „Denken der Störung“, des „Rauschens“ im System, verknüpfen lässt.

Pollesch

Um zu verstehen, was das Körpercomputer-Motiv überhaupt leistet, lohnt sich ein Blick auf Polleschs Theater insgesamt. Wie Bergmann herausgearbeitet, bricht Pollesch radikal mit dem Repräsentationstheater: Seine Performer*innen verkörpern keine Rollen, vielmehr fließt ihre Persönlichkeit aktiv in die Stücke ein. Die Texte entstehen während der Proben und die Performer*innen beeinflussen diese maßgeblich. Genau darin liegt für Bergmann das subversive Potenzial dieses Theaters: Es distanziert sich von einem herkömmlich politischen Theater, das gesellschaftliche Missstände von außen, aus sicherer, kritischer Distanz betrachtet und sucht stattdessen eine unmittelbare, persönliche Betroffenheit von Theaterschaffenden und Publikum (vgl. Bergmann 2023: 334 f.).

Ich habe mir diesbezüglich die Frage gestellt, wie wirksam Polleschs Stücke allerdings wirklich sind, da die Gefahr einer gewissen Echokammer besteht. Mein Gefühl ist, dass das Publikum zum großen Teil aus dem Bildungsbürgertum stammt, welches sich dann durch die Stücke in seiner eigenen Gesellschaftskritik bestätigt fühlt. Gebildete Schauspieler*innen sprechen Themen an, die sie relevant finden und ein gebildetes Publikum erkennt sich wieder in der Themenwahl – und so weiter und so fort. Gerade weil Pollesch explizit mit kultur- und gendertheoretischen Referenzen arbeitet, die eben nicht voraussetzungslos zugänglich sind. Bergmann selbst erwähnt ja, dass Pollesch sich gegen den Vorwurf des „hochnäsigen Gestus“ verteidigt und stattdessen an die „Theoriefähigkeit des Alltags“ glaubt (Bergmann 2023: 335). Aber ob das im Publikum tatsächlich so ankommt, oder eben doch vor allem ein bildungsbürgerliches Publikum in seiner ohnehin vorhandenen Kritik bestätigt wird, ist eine andere Frage, die Bergmann in diesem Ausschnitt nicht stellt.

Zwei Themenfelder ziehen sich laut Bergmann durch Polleschs Werk: die neoliberalen Arbeitsverhältnisse und das westliche, heteronormative Geschlechtersystem, wobei Pollesch beide als eng miteinander verwobene Problemkomplexe behandelt. Kultur- und gendertheoretische Texte fungieren dabei, in Polleschs eigenen Worten, als „Sehhilfe“, die Selbstverständliches wieder fremd erscheinen lässt (vgl. Bergmann 2023: 334 f). Heidi Hoh arbeitet hier nicht mehr veranschaulicht genau das: Das Stück zeigt, wie neoliberale Flexibilisierung einerseits Frauen die vormals männlich codierte Sphäre der Erwerbsarbeit eröffnet, andererseits aber neue, subtilere Formen der Unterwerfung erzeugt: unter den Zwang zur permanenten Selbstverwirklichung, zur ökonomischen Verwertung der eigenen Emotionen, zur Auflösung der Grenze zwischen Arbeit und Privatleben (vgl. Bergmann 2023: 335 ff). Ein Beispiel dafür liefert die Performerin Bambi, die Gefühle explizit als Tauschware anpreist („Emotionen sind so etwas wie Gold“), während gleichzeitig klassisch weiblich codierte Zuständigkeiten, wie die Sorge um die eigenen Kinder, rhetorisch abgewertet werden (vgl. Bergmann 2023: 337 f.). Genau in dieser Ambivalenz, Befreiung von alten Zwängen bei gleichzeitiger Unterwerfung unter neue, verortet Bergmann das strukturelle Paradox, das den ganzen Text durchzieht (vgl. Bergmann 2023: 336 und 340 f.). Man könnte sagen: Die ‚Heidis‘ haben den einen Käfig verlassen, nur um in einem größeren, unsichtbaren Käfig zu landen.

Körpercomputer!!

Nun zum „KÖRPERCOMPUTER“, der in diesem Kontext besonders spannend ist. Während der erste Teil der Heidi-Hoh-Trilogie die häusliche Sphäre noch als Betrieb versteht – Heidi Hoh richtet sich ihr Zuhause als Büro, Stripbühne oder Online-Einkaufszentrum ein –, radikalisiert der zweite Teil diese Verschränkung von Ökonomie und Körper noch einmal. Das Zuhause ist inzwischen „kein freundlicher Ort mehr“, Heidi Hoh lebt dort gar nicht mehr, sondern führt ein „Partisanenleben als obdachlose Telearbeiterin“, die ihr Notebook überall einstecken kann. Die drei Heidis der Fortsetzung verdienen ihr Geld als Telearbeiterinnen oder als Mietwagenhostessen, dabei verstehen sie sich als Körpercomputer. Diese Formulierung lässt sich im Kontext von Bergmanns Analyse gleich doppelt lesen. Zum einen veranschaulicht sie, was Bergmann als Auflösung der Trennung von öffentlicher und privater Sphäre beschreibt (vgl. Bergmann 2023: 336 f.): Wenn der Computer nicht mehr nur ein Werkzeug ist, das man mit sich führt, sondern an den Körper „angeschlossen“ wird, dann verschwindet die letzte Distanz zwischen arbeitendem Subjekt und Arbeitsmittel. Der Körper selbst wird zur Hardware, zur Schnittstelle, über die ökonomische Prozesse ununterbrochen hindurchlaufen: eine Konsequenz, die in Bambis Rede von der Verwertung der eigenen Emotionen als „Business“ bereits sprachlich angelegt ist (vgl. Bergmann 2023: 337 f.), erst im „Körpercomputer“ aber ihre technisch-materielle Zuspitzung erfährt. Zum anderen radikalisiert das Motiv auch die Flexibilisierung und ‚Entortung‘, von der Bergmann im Zusammenhang mit der weiblichen Mobilität in die öffentliche Sphäre spricht (vgl. Bergmann 2023: 336). Die Telearbeiterin ohne festen Wohnsitz, die ihren Computer im wahrsten Sinne des Wortes am Körper trägt, ist die letzte Konsequenz eines Arbeitssubjekts, das an keinen Ort und zumindest der Idee nach, an keine Zeit mehr gebunden ist. Was wie Freiheit und Flexibilität klingt, ist jedoch eher das Gegenteil.

Wichtig ist nämlich, dass dieser Zustand im Stück nicht als reine Befreiung gefeiert, sondern in der für Pollesch typischen Doppelbödigkeit vorgeführt wird. Die Heidis sind einerseits „flexible Menschen“, „Partisaninnen auf dem Arbeitsmarkt“, die sich den fixen Zuordnungen von Ort, Rolle und Zuständigkeit entziehen. Andererseits ist genau diese Flexibilität, wie Bergmann für das Gesamtwerk zeigt, kein Entkommen aus Machtstrukturen, sondern deren Verlagerung (vgl. Bergmann 2023: 340 f.). Der Körpercomputer markiert so einen Punkt, an dem sich die von Bergmann beschriebene Paradoxie neoliberaler Geschlechterverhältnisse, die gleichzeitig von Mobilität und Unterwerfung geprägt sind, unmittelbar im Bild des technisch erweiterten Körpers verdichtet.

Bemerkenswert ist dabei auch, aus welcher zeitlichen Distanz sich dieses Bild heute lesen lässt. Heidi Hoh arbeitet hier nicht mehr stammt aus dem Jahr 2000 – aus einer Welt vor dem Smartphone, in der der Körpercomputer noch eine bewusst überdrehte, dystopische Metapher dafür war, wie weit Arbeit und Leben theoretisch verschmelzen könnten. Das ist inzwischen eingetreten. Das Smartphone ist faktisch zum Körpercomputer geworden. Man steckt es nicht mehr irgendwo ein, sondern trägt es permanent bei sich – in der Hosentasche, in der Hand, neben dem Kopfkissen. Die Grenzauflösung zwischen Arbeit und Freizeit, die Pollesch als groteske Zuspitzung auf die Bühne brachte, ist längst gelebter Alltag. Man beantwortet E-Mails auf dem Klo, ist im Urlaub für den Arbeitgeber erreichbar, checkt Nachrichten als Letztes vor dem Einschlafen und als Erstes nach dem Aufwachen. Das Bemerkenswerte daran ist, dass die satirische Übertreibung, mit der Pollesch damals warnen wollte, ihren Effekt verloren hat: permanente Erreichbarkeit ist kein Ausnahmezustand mehr, sondern Normalität. Was Haraway als „informatics of domination“ beschreibt, die technische Auflösung der Grenze zwischen Körper und Apparat, hat seither nicht an Aktualität verloren, sondern sich nur noch weiter in unseren Alltag hineingefressen.

Haraway!!

Donna Haraway definiert den Cyborg als „a cybernetic organism, a hybrid of machine and organism, a creature of social reality as well as a creature of fiction“ (Haraway 2016: 6). Entscheidend ist für sie, dass die Grenze zwischen Science-Fiction und sozialer Wirklichkeit lediglich eine optische Täuschung ist (vgl. Haraway 2016: 7). Der Cyborg ist also keine bloße Metapher, sondern eine Beschreibung realer, historisch entstandener Lebensbedingungen, insbesondere von Frauen in der spätkapitalistischen Ökonomie. Haraway benennt drei zentrale „boundary breakdowns“, die diese Cyborg-Existenz überhaupt erst ermöglichen: die brüchig gewordene Grenze zwischen Mensch und Tier, die Auflösung der Trennung zwischen Organismus und Maschine, sowie die Unschärfe der Grenze zwischen Physischem und Nichtphysischem, wie sie etwa in der Mikroelektronik zum Ausdruck kommt (vgl. Haraway 2016: 9–13). Besonders die zweite dieser Grenzverschiebungen ist für die Auseinandersetzung mit Heidi Hoh wichtig: Maschinen, so Haraway, sind nicht länger bloß träge Werkzeuge, sondern „disturbingly lively“, während die Menschen selbst zunehmend „frighteningly inert“ erschienen (Haraway 2016: 11). In ihrer berühmten Gegenüberstellung von „Organics of Domination“ und „Informatics of Domination“ hält Haraway diesen Wandel in einer Reihe von Begriffspaaren fest: Der „organism“ wird zur „biotic component“, die „family/market/factory“ wird abgelöst von „women in the integrated circuit“ und das Begriffspaar „public/private“ wandelt sich zu „cyborg citizenship“ (Haraway 2016: 28f.). Liest man das neben Bergmanns Pollesch-Analyse, fällt auf: Genau diese Verschiebungen beschreibt Bergmann ohne je den Begriff des Cyborgs zu benutzen, wenn sie von der Auflösung der Trennung zwischen Arbeit und Freizeit, öffentlicher und privater Sphäre spricht (vgl. Bergmann 2023: 336 f.).

Zentral für Haraways Argument ist zudem der Begriff der „homework economy“, den sie von Richard Gordon übernimmt: eine weltweite Restrukturierung der Arbeit, die vormals als weiblich codierte Arbeitsbedingungen (Unsicherheit, Flexibilität, Auflösung fester Arbeitszeiten, Verwischung von Zuhause und Arbeitsplatz) zur allgemeinen Norm macht, unabhängig davon, ob die Arbeitenden männlich oder weiblich sind (vgl. Haraway 2016: 38 f.).

Von diesem Begriff aus entwickelt Haraway das Bild der „women in the integrated circuit“, eine Formulierung, die sie von Rachel Grossman übernimmt und die ursprünglich die Fließbandarbeiterinnen in der Halbleiterproduktion des Silicon Valley bezeichnete: Frauen, die buchstäblich die winzigen Schaltkreise fertigten, aus denen die neue globale Informationsökonomie hervorging (vgl. Haraway 2016: 35 f.). Haraway weitet dieses Bild jedoch zu einer allgemeinen Diagnose des weiblichen Arbeitssubjekts in der Gegenwart aus. Um diese Diagnose zu konkretisieren, beschreibt sie sieben gesellschaftliche Sphären: Zuhause, Markt, bezahlter Arbeitsplatz, Staat, Schule, Klinik/Krankenhaus und Kirche. Dabei zeigt sie bei jeder einzelnen auf, wie tief die neuen Technologien in sie eingedrungen sind (vgl. Haraway 2016: 45–49). Unter „Home“ listet sie etwa die Zunahme von Frauenhaushalten, Telearbeit, Heim-Sweatshops und die gleichzeitige Intensivierung häuslicher Gewalt auf; unter „Paid Workplace“ die fortgesetzte geschlechtliche und rassistische Arbeitsteilung bei gleichzeitiger Auflösung fester Arbeitszeiten zugunsten von „flex time, part time, over time, no time“ (Haraway 2016: 46 f.). Entscheidend an diesem Katalog ist, dass keine dieser Sphären mehr klar von den anderen zu trennen ist: Jede impliziert, so Haraway, jede andere, „perhaps analogous to a holographic photograph“ (Haraway 2016: 46).

Zum einen macht sie damit sichtbar, dass es für Frauen in diesem System keinen festen, stabilen „Platz“ mehr gibt; weder das klassische Zuhause noch der klassische Arbeitsplatz bieten einen Ort, von dem aus sich eine gesicherte Identität oder Position ableiten ließe. Stattdessen gibt es nur noch, wie Haraway betont, „geometries of difference and contradiction“, die für die Cyborg-Identität von Frauen konstitutiv werden (Haraway 2016: 45 f.). Zum anderen liegt genau in dieser Ortlosigkeit für Haraway kein reiner Verlust: Weil es keinen „natürlichen“ Platz mehr gibt, zu dem man zurückkehren könnte, wird die Frage nach neuen, bewusst hergestellten Bündnissen überhaupt erst dringlich und möglich („affinity, not identity“, Haraway 2016: 17). „Women in the integrated circuit“ ist damit für Haraway keine bloße Opferfigur, sondern die paradigmatische, wenn auch zutiefst ambivalente Arbeitssubjektivität der Gegenwart: verletzlich und prekär einerseits, aber auch – gerade weil sie an keine feste Position mehr gebunden ist – potenziell in der Lage, quer durch die alten Grenzen von privat und öffentlich, Zuhause und Betrieb neue politische Verbindungen zu knüpfen.

Haraway betont aber auch, dass sie dem weder nur positiv noch negativ zugewandt ist, es ist mehr als ein blinder Technik-Optimismus. Der Cyborg ist für sie zugleich „the illegitimate offspring of militarism and patriarchal capitalism“ (Haraway 2016: 9) und Symptom einer „massive intensification of insecurity and cultural impoverishment“ (Haraway 2016: 49). Und dennoch sieht Haraway in der Figur eine politische Chance. Weil der Cyborg keinen Ursprungsmythos kennt, keine „organische“ Ganzheit, zu der er zurück möchte. Dadurch ist er auch nicht an die klassischen feministischen Erlösungserzählungen gebunden, die auf eine verlorene Einheit mit der Natur oder der Mutter zurückverweisen (vgl. Haraway 2016: 7f., 21). Der Cyborg kennt kein a priori, keine unschuldige Ganzheit, sondern nur die Aufgabe, die vorgefundenen Bruchstücke von Sprache, Identität und Technologie zu neuen, bewusst unvollständigen Bündnissen zusammenzusetzen, und zwar nach der Formel „affinity, not identity“ (Haraway 2016: 17). In diesem Sinn ist der Cyborg für Haraway „resolutely committed to partiality, irony, intimacy, and perversity“ (Haraway 2016: 9), eine Figur also, die gerade aus der Auflösung klarer Grenzen eine neue, spielerische und zugleich politisch wache Subjektivität gewinnt.

Pollesch trifft Haraway… oder nicht???

Legt man Haraways Begrifflichkeit über Polleschs Text, zeigt sich zunächst eine bemerkenswerte strukturelle Nähe. Der Körpercomputer ist eine Konkretisierung dessen, was Haraway mit der Verschiebung von „organism“ zu „biotic component“ meint (Haraway 2016: 28): Der weibliche Körper wird nicht mehr nur als Arbeitskraft genutzt, sondern technisch so an das ökonomische System angeschlossen, dass zwischen Körper und Apparat kein Unterschied mehr besteht. Auch die Telearbeiterin ohne festen Wohnsitz, die ihr Notebook „überall einstecken“ kann, entspricht exakt jener Figur der „women in the integrated circuit“, die für Haraway die Auflösung von „family/market/factory“ verkörpert (Haraway 2016: 29 und 45). Und die von Bergmann beschriebene Auflösung der Grenze zwischen Zuhause und Betrieb (vgl. Bergmann 2023: 336) ist letztlich nichts anderes als das, was Haraway unter der Formel „public/private > cyborg citizenship“ fasst (Haraway 2016: 29).

Auch die von Bergmann herausgearbeitete Ökonomisierung der Emotionen fügt sich nahtlos in Haraways Modell: Wenn Bambi Gefühle als Ware bezeichnet, die man „vermieten und verkaufen“ könne (Bergmann 2023: 337f.), dann beschreibt sie jene „translation of the world into a problem of coding“, die Haraway als Signatur der Informatik-Herrschaft beschreibt – eine Welt, in der nichts mehr um seiner selbst willen besteht, sondern nur noch als quantifizierbare, austauschbare Information (vgl. Haraway 2016: 32 ff.). Und schließlich lässt sich darauf auch die Szene beziehen, in der Anja Schweitzer bzw. Gong Scheinpflugova ihre eigene berufliche Emanzipation auf Kosten einer rassistisch codierten Dienstbotenarbeit erkauft, worauf Heidi mit dem Ausruf „SCHEISSRASSISTIN!“ reagiert (vgl. Bergmann 2023: 340). Wie Haraway kritisiert sie damit einen weißen, liberalen Feminismus. Haraway betont, dass die „homework economy“ global organisiert ist, und dass die Emanzipation westlicher, meist weißer Frauen strukturell mit der Ausbeutung von Frauen des globalen Südens und von Frauen of Color verschränkt bleibt, die als „the preferred labor force for the science-based multinationals“ fungieren (Haraway 2016: 37 und 54).

Der entscheidende Unterschied zwischen beiden Texten liegt allerdings in der politischen Tonalität, mit der diese strukturelle Verschmelzung von Körper, Technik und Ökonomie bewertet wird. Bergmann beschreibt Polleschs Perspektive auf die neoliberalen Verhältnisse ausdrücklich als „extrem deprimierend“ und den Ausweg aus dem System als „ein unmögliches Unterfangen“ (Bergmann 2023: 341). Die ‚Heidis‘ mögen sich in scheinbar souveräner Rhetorik von „bürgerlichen Lebensstilen“ distanzieren, geraten dabei aber immer wieder (wie die Szene um das „heterosexuelle Zwangsregime“ zeigt) nur in neue, heteronormativ codierte Fallen (Bergmann 2023: 339 f.). Von Haraways Hoffnung auf eine „postgender world“, in der der Cyborg keine „pre-oedipal symbiosis“ oder andere Versuchungen zur organischen Ganzheit mehr hat (Haraway 2016: 8), sind Polleschs Figuren also denkbar weit entfernt: Sie sind zwar technisch bereits Cyborgs – an Körpercomputer angeschlossen, ortlos, flexibel-, bleiben aber diskursiv und affektiv in genau jenen binären Geschlechterlogiken gefangen, die Haraways Cyborg eigentlich hinter sich lassen soll.

Haraway hält fest, dass man den Cyborg von zwei Seiten aus betrachten kann.

Polleschs Heidi Hoh arbeitet hier nicht mehr lässt sich als eine Dramatisierung fast ausschließlich der ersten dieser beiden Perspektiven lesen: Es zeigt die „informatics of domination“ in ihrer bedrückenden, kontrollierenden Gestalt, ohne dass die Figuren selbst zur zweiten, spielerisch-ironischen Aneignung ihrer Cyborg-Existenz finden. Und doch gibt es, folgt man Bergmanns Analyse bis zu ihrem Schluss, einen Punkt, an dem sich beide Texte noch einmal berühren. Bergmann verweist, Natalie Bloch aufgreifend, auf ein „Restsubjekt“, das sich in den lautstark geschrienen, versalisch gesetzten Passagen der Performerinnen sowie in deren körperlicher Überforderung Bahn bricht: Die Textmengen sind so komplex, dass ihr vollständiges Memorieren strukturell unmöglich ist, sodass die Performerinnen im Spiel „immer wieder den Faden“ verlieren und sich an die Souffleusen wenden müssen (Bergmann 2023: 341 f.). Dieses Scheitern, dieses Sich-Verhaspeln im „Text Gebirge“, ist für Bergmann die „einzig verbleibende Möglichkeit“, sich neoliberalen Ideologien des reibungslosen Funktionierens zu widersetzen (Bergmann 2023: 341 f.). Auch Haraway benennt „Stress“, also den Kommunikationszusammenbruch, als „the privileged pathology affecting all kinds of components in this universe“ der Informatik-Herrschaft (Haraway 2016: 31). Wenn bei Haraway die Störung, das Rauschen, der Zusammenbruch der reibungslosen Kommunikation, als verwundbare, aber auch als potentiell subversive Schwachstelle des Systems erscheint, wird bei Pollesch das körperliche und sprachliche Scheitern der Performerinnen (ihr Schreien, ihr Versagen vor der geforderten Sprechgeschwindigkeit) zu einem des Protests. Der Unterschied besteht darin, dass Haraway diese Störung explizit politisch-produktiv wendet, als Ausgangspunkt einer ironischen „cyborg politics […] for language and […] against perfect communication“ (Haraway 2016: 57), während sie bei Pollesch, in Bergmanns Lesart, vorerst nur als ohnmächtiges, wenn auch „oft sehr komisch[es]“ Aufbegehren erscheint (Bergmann 2023: 341).

Conclusio!!

Der Körpercomputer in Heidi Hoh arbeitet hier nicht mehr lässt sich also als eine szenische Zuspitzung dessen lesen, was Donna Haraway als „informatics of domination“ beschrieben hat: die restlose Durchdringung des weiblichen Körpers durch ökonomische Logiken, die Auflösung der Grenzen zwischen Zuhause und Betrieb, Emotion und Ware, Organismus und Maschine. In der Konsequenz, mit der Pollesch diese Verschmelzung buchstäblich nimmt, den Körper nicht als Träger, sondern als Bestandteil des Computers, geht das Stück sogar über das hinaus, was Haraway 1985 beschrieben hat und antizipiert Fragen, die heute unter Stichworten wie Wearables, Selbstvermessung oder ständiger Erreichbarkeit neu gestellt werden.

Wo Pollesch und Haraway jedoch entscheidend auseinandergehen, ist in der politischen Funktion, die dieser Grenzauflösung zugeschrieben wird. Haraways Cyborg ist eine explizit ambivalente, aber am Ende hoffnungsvolle Figur: „Though both are bound in the spiral dance, I would rather be a cyborg than a goddess“ (Haraway 2016: 68). Der Verzicht auf organische Ganzheit wird bei ihr zum Versprechen neuer, unreiner, aber handlungsfähiger Bündnisse. Polleschs Heidis dagegen bleiben, so wie Bergmann sie liest, in der von Haraway so genannten „final imposition of a grid of control“ gefangen (Haraway 2016: 15). Ihre Cyborg-Existenz ist Zwang, nicht Wahl, ihre Flexibilität Symptom der Erschöpfung, nicht Ausdruck einer neuen, spielerischen Freiheit.

Erst im Scheitern der Performerinnen selbst, im Verlust des Sprechfadens, im Schreien jenseits der Verständlichkeitsgrenze, blitzt ein Rest jener ironischen, widerständigen Energie auf, die Haraway ihrem Cyborg von Anfang an zutraut. Der Körpercomputer bei Pollesch zeigt damit weniger Haraways utopisches Versprechen selbst als vielmehr die Bedingungen, unter denen dieses Versprechen, wenn überhaupt, erst noch eingelöst werden müsste. Zwei Texte, ein Bild, zwei sehr unterschiedliche Antworten auf die Frage, was es bedeutet, keinen Unterschied mehr zwischen Körper und Maschine zu kennen.


Referenzen

Bergmann, Franziska (2023): „Geschlecht im Neoliberalismus. René Polleschs Heidi Hoh arbeitet hier nicht mehr“, in: Linda Leskau, Sigrid Nieberle (Hg.): Wiedersehen mit Heidi. Polyperspektivische Lektüren der Heidi-Romane von Johanna Spyri. Bielefeld: transcript, 2023, S. 333–343.

Haraway, Donna J. (2016): „A Cyborg Manifesto. Science, Technology, and Socialist-Feminism in the Late Twentieth Century“, in: Manifestly Haraway. Minneapolis: University of Minnesota Press, 2016, S. 5–90.

Meißner, Jochen (2001): „Terror der Ökonomie. Rezension zu René Polleschs Heidi Hoh arbeitet hier nicht mehr“, vgl. https://hoerspielkritik.de/terror-der-oekonomie/ (letzter Zugriff: 22. Juli 2026).

Pollesch, René (2000): „Heidi Hoh arbeitet hier nicht mehr. WDR Hörspiel-Speicher. DLR/WDR/NDR 2000“. Inhaltsangabe unter https://www.hoerspielundfeature.de/pollesch-hoerspiel-zu-work-life-balance-heidi-hoh-arbeitet-100.html (letzter Zugriff: 21. Juli 2026).

Pollesch, René (2003): „Heidi Hoh arbeitet hier nicht mehr“, in: Pollesch, René: World Wide Web-Slums. Hg. von Corinna Brocher. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2003, S. 29–100.