
Welche Funktion hat der Einsatz von Video in René Polleschs Prater-Saga 3 und wie verändert Live-Video die Wahrnehmung des Theaters?
von Anja Döllinger
© David Baltzer
Der Einsatz von Video gehört heute für viele Theaterproduktionen selbstverständlich zur Inszenierung. Besonders seit den 1990er- und frühen 2000er-Jahren wird Video nicht mehr nur als zusätzliches Gestaltungsmittel verwendet, sondern beeinflusst zunehmend die Art und Weise, wie Theater wahrgenommen wird. Die Grenze zwischen dem realen Bühnengeschehen und medialen Bildern wird dabei immer durchlässiger. Dadurch verändert sich sowohl die Rolle der Schauspielenden als auch die Wahrnehmung des Publikums.
Prater-Saga 3: Text von René Pollesch, Inszenierung von Gob Squad
Ein wichtiger Vertreter dieser Entwicklung ist René Pollesch. In seinen Inszenierungen an der Berliner Volksbühne und am Prater verbindet er Live-Theater mit Videoübertragungen und schafft dadurch neue Formen des Erzählens und Sehens. Besonders deutlich wird dies in Prater-Saga 3: In diesem Kiez ist der Teufel eine Goldmine aus dem Jahr 2004, welche vom Performancekollektiv Gob Squad inszeniert wurde. Gob Squad greift dabei Polleschs Text auf und arbeitet mit Live-Kameras, verschiedenen Räumen und einem gleichzeitigen Bild- und Bühnengeschehen. Dadurch entsteht für das Publikum keine eindeutige Perspektive mehr, sondern eine Vielzahl unterschiedlicher Wahrnehmungsmöglichkeiten. Marvin Carlson untersucht diese Entwicklung in seinem Aufsatz Has Video Killed the Theatre Star? Some German Responses (2008). Seine zentrale These lautet, dass Video das Theater nicht ersetzt oder zerstört. Stattdessen entsteht durch die Verbindung von Live-Spiel und Video eine neue Form der Wahrnehmung, in der sich Realität und mediale Darstellung gegenseitig ergänzen.
Der vorliegende Essay untersucht, welche Funktion der Einsatz von Video in Prater-Saga 3 erfüllt, und wie sich dadurch die Wahrnehmung des Theaters verändert. Dabei wird zunächst Carlsons theoretischer Ansatz vorgestellt. Anschließend wird analysiert, wie Gob Squad Video innerhalb der Inszenierung einsetzen und welche Wahrnehmungsweisen dadurch für das Publikum ermöglicht werden.
Marvin Carlsons Verständnis von Video im Theater
Laut Marvin Carlson ist das Video eine Erweiterung von Theaters. Er beschäftigt sich in seinem Aufsatz mit der Frage, welche Auswirkungen moderne Videotechnik auf Theater hat. Ausgangspunkt seiner Überlegungen ist die Beobachtung, dass insbesondere deutsche Regisseure wie Frank Castorf und René Pollesch Video nicht lediglich als dekoratives Mittel einsetzen. Vielmehr wird Video zu einem festen Bestandteil der Inszenierung und verändert die Beziehung zwischen Bühne, Schauspielenden und Publikum grundlegend. Carlson widerspricht dabei der Annahme, dass Video die Besonderheit von Theaters verdränge, stattdessen argumentiert er, dass beide Medien zusammenwirken. Theater bleibt ein Ort der Live-Präsenz, während Video zusätzliche Perspektiven eröffnet. Dadurch entstehe eine neue Form des Erlebens, die sich von traditionellen Theaterformen unterscheidet. Am Ende seines Aufsatzes fasst Carlson zusammen, dass Video den Theaterstar nicht getötet habe, sondern selbst Teil der komplexen Wechselwirkung von Realität und Illusion geworden sei.
Videoeinsatz außerhalb des Theaterraums: Das Live-Casting
Die oben angeführten Überlegungen lassen sich deutlich in der Prater-Saga 3: In diesem Kiez ist der Teufel eine Goldmine erkennen. Bereits der Aufbau der Inszenierung zeigt, dass Video nicht nur eine Ergänzung der Bühne ist, sondern den gesamten Ablauf bestimmt. Zu Beginn jeder Aufführung werden drei zufällig ausgewählte Passantinnen und Passanten auf der Kastanienallee gecastet. Dieser Auswahlprozess findet außerhalb des eigentlichen Theaterraums statt. Das Publikum kann ihn dennoch live verfolgen, da Kamerateams die Suche filmen und unmittelbar in den Zuschauer*innenraum übertragen. Gleichzeitig erfolgen Bildschnitt, Ton und Musik ebenfalls live. Das eigentliche Bühnengeschehen beginnt somit bereits außerhalb des sichtbaren Theaterraums, und wird erst durch das Medium Video erfahrbar gemacht. Das Video übernimmt hier vor allem die Funktion, zwei räumlich getrennte Orte miteinander zu verbinden. Carlson beschreibt zwar ebenfalls Live-Video als Erweiterung des Bühnenraums. Bei Prater-Saga 3 wird dieses Prinzip jedoch noch weitergeführt, da das eigentliche Theatergeschehen bereits im öffentlichen Stadtraum beginnt.
Der Videoeinsatz im Bühnenraum
Der Begriff doubled view (Thomas Oberender), den Carlson in seinen Text aufgreift, spielt eine wesentliche Rolle in der Prater-Saga 3. Das Publikum sieht gleichzeitig real anwesende Schauspielende und deren mediales Bild. Beide Ebenen existieren parallel und beeinflussen sich gegenseitig. Die Zuschauer*innen nehmen dadurch dieselbe Handlung auf zwei unterschiedliche Arten wahr. Einmal direkt auf der Bühne und gleichzeitig über die Kamera. Carlson unterscheidet außerdem zwei verschiedene Formen des Videoeinsatzes. Die erste bezeichnet er als Einspielung. Dabei werden bereits vorher produzierte Filmaufnahmen während der Aufführung eingeblendet. Diese Technik ähnelt dem klassischen Einsatz von Film im Theater. Die zweite Form nennt Carlson Live-Produktion. Hier zeichnen Kameras das Bühnengeschehen in Echtzeit auf und übertragen die Bilder unmittelbar auf Bildschirme oder Leinwände. Das Publikum erlebt somit gleichzeitig das reale Ereignis und dessen mediale Darstellung. Diese unmittelbare Gleichzeitigkeit stellt für Carlson den entscheidenden Unterschied zu herkömmlichen Filmprojektionen dar.
Die veränderte Wahrnehmung des Publikums
Besonders wichtig ist für Carlson, dass durch Live-Video neue Räume sichtbar werden. Bereiche, die das Publikum normalerweise nicht sehen könnte, werden über Kameras zugänglich gemacht. Gleichzeitig wird die Kamera selbst gezeigt und macht den Prozess der Bildproduktion sichtbar. Das Publikum beobachtet somit nicht nur die Handlung, sondern auch ihre mediale Entstehung, wodurch deutlich wird, dass jede Wahrnehmung bereits durch technische Mittel beeinflusst ist. Diese Veränderung führt laut Carlson zu einer neuen Form der Publikumswahrnehmung. Die Zuschauer*innen schauen nicht mehr ausschließlich auf die Bühne, sondern wechseln ständig zwischen verschiedenen Perspektiven. Dadurch entsteht eine komplexere Wahrnehmung, in der Realität und mediale Darstellung gleichzeitig erlebt werden.
Die räumliche Gestaltung unterstützt diesen Effekt. Die Bühne besteht aus verschiedenen Bereichen, von denen einige für das Publikum direkt sichtbar sind, während andere ausschließlich über Kamerabilder wahrgenommen werden können. Dadurch entsteht kein fester Mittelpunkt der Aufführung. Das Publikum erlebt nicht nur das fertige Bild, sondern gleichzeitig dessen Entstehung. Kameras, Mikrofone und technische Abläufe werden bewusst sichtbar gemacht und gehören selbst zur Aufführung. Dadurch verliert Video seinen Charakter als bloßes Hilfsmittel und wird zu einem eigenständigen Bestandteil der Inszenierung. Ein zentrales Merkmal von Prater-Saga 3 ist, dass das Publikum die Aufführung nicht mehr aus einer festen Perspektive verfolgt. Im traditionellen Theater richtet sich die Aufmerksamkeit meist auf eine Bühne, auf der die Handlung stattfindet. Bei Gob Squads Inszenierung wird dieses Prinzip aufgelöst. Die Zuschauer*innen müssen die Aufmerksamkeit ständig zwischen den Schauspielenden, den Leinwänden und den verschiedenen Spielorten wechseln. Dadurch verändert sich ihre Rolle grundlegend.
Realer Körper oder mediales Bild?
Das Publikum sieht gleichzeitig den realen Körper der Schauspielenden und dessen mediales Bild auf einer Leinwand. Beide Ebenen zeigen dieselbe Situation, jedoch aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Während die Bühne den gesamten Raum sichtbar macht, liefert die Kamera Nahaufnahmen, Details oder Perspektiven, die vom Zuschauer*innenraum aus nicht erkennbar wären. Dadurch entstehen mehrere Wirklichkeiten gleichzeitig. Das Publikum entscheidet selbst, welcher Perspektive es wann folgt. Das Publikum muss verschiedene Informationen miteinander verbinden und sich selbst ein Gesamtbild der Aufführung schaffen. Andrzej Wirth beschreibt dieses Prinzip als wandernden Blick. Es existiert kein zentraler Blickpunkt mehr, von dem aus die gesamte Aufführung betrachtet werden kann. Stattdessen bewegen sich die Zuschauer*innen gedanklich ständig zwischen verschiedenen Perspektiven. Sie beobachten die Bühne, wechseln zur Leinwand und richten ihre Aufmerksamkeit anschließend wieder auf einen anderen Teil des Geschehens. Dadurch entsteht eine aktive Form des Sehens. Das Publikum konsumiert die Aufführung nicht mehr passiv, sondern konstruiert ihre Bedeutung selbst.
Der Einsatz von Video erfüllt in Prater-Saga 3 mehrere Funktionen. Zunächst erweitert er den Bühnenraum. Bereiche außerhalb der eigentlichen Bühne werden sichtbar und in die Aufführung einbezogen. Ohne die Kamerabilder könnten die Zuschauer*innen viele Szenen nicht verfolgen. Video dient daher nicht nur der Illustration, sondern eröffnet neue Räume innerhalb der Inszenierung. Außerdem erzeugt Live-Video ein besonderes Gefühl von Unmittelbarkeit. Da die Bilder in Echtzeit entstehen, wirken sie authentisch und unmittelbar. Gleichzeitig zeigt die Inszenierung jedoch offen, dass diese Bilder technisch produziert werden. Die Zuschauer*innen erkennen, dass auch Live-Bilder keine objektive Wirklichkeit darstellen, sondern das Ergebnis von Kameraeinstellungen, Bildausschnitten und Entscheidungen der Kameraleute sind. Dadurch hinterfragt Pollesch die Vorstellung, dass Bilder die Realität abbilden. Besonders deutlich wird dies dadurch, dass die technischen Geräte nicht versteckt werden. Kameras, Kabel und Bildschirme gehören sichtbar zur Aufführung. Theater macht seinen eigenen Herstellungsprozess transparent. Diese Offenlegung verhindert eine vollständige Illusion und fordert das Publikum dazu auf, kritisch über das Verhältnis von Realität und medialer Darstellung nachzudenken.
I see myself seeing
Ein weiterer Effekt besteht darin, dass die Zuschauer*innen ihre eigene Wahrnehmung reflektieren. Carlson beschreibt diesen Vorgang mit dem Ausdruck I see myself seeing. Gemeint ist, dass das Publikum nicht nur die Aufführung beobachtet, sondern sich gleichzeitig bewusst wird, wie es selbst beobachtet. Die Zuschauer*innen denken also über ihren eigenen Blick nach. Dabei werden sie von passiven Beobachter*innen zu aktiven Mitgestalter*innen der Bedeutung einer Aufführung. Helga Finter bezeichnet diese Form des Sehens als camera eye. Die Zuschauer*innen wechseln ständig zwischen unterschiedlichen Perspektiven und übernehmen gewissermaßen die Arbeitsweise einer Kamera. Sie wählen aus, vergleichen verschiedene Bilder miteinander und setzen die einzelnen Eindrücke selbst zu einem Gesamtbild zusammen. Auch dadurch unterscheidet sich Polleschs Theater deutlich von traditionellen Inszenierungen.
Resümee
Insgesamt zeigt sich, dass Video in Prater-Saga 3 weit mehr ist als eine technische Ergänzung der Bühne. Es verändert den Raum, beeinflusst die Wahrnehmung des Publikums und macht sichtbar, wie Realität und mediale Darstellung miteinander verbunden sind. Gerade diese Verbindung bildet den Kern von Polleschs Inszenierung.
Die Prater-Saga 3 zeigt, dass Video heute eine zentrale Rolle im zeitgenössischen Theater spielen kann. Anders als im traditionellen Theater dient Video nicht nur dazu, Bilder zu ergänzen oder Informationen zu vermitteln. Es wird selbst zu einem wichtigen Bestandteil der Inszenierung und beeinflusst maßgeblich die Wahrnehmung des Publikums. Marvin Carlson macht deutlich, dass durch die Verbindung von Live-Spiel und Video neue Möglichkeiten des Erzählens und Sehens generiert werden, die letztlich eine komplexere Form der Wahrnehmung ermöglichen, in der verschiedene Perspektiven parallel existieren.
Prater-Saga 3 setzt diese Überlegungen konsequent um. Die Live-Kameras erweitern den Bühnenraum, machen verborgene Bereiche sichtbar und zeigen gleichzeitig den Entstehungsprozess der Bilder. Das Publikum wird gezwungen, seine Aufmerksamkeit ständig zwischen Bühne und Leinwand zu wechseln. Dadurch entsteht kein fester Blickpunkt mehr. Jede Zuschauerin und jeder Zuschauer erlebt die Aufführung auf individuelle Weise. Die Parallelität von Video und physischen Vorgängen avanciert zu einer zentralen Verfahrensweise in Polleschs Theater.
Referenzen
Prater-Saga 3. In diesem Kiez ist der Teufel eine Goldmine, Premiere 10.12.2004. Berlin, Prater der Volksbühne. Text René Pollesch, Regie Gob Squad.
Carlson, Marvin: „Has Video killed the Theatre Star? Some German Responses“, in: Contemporary Theatre Review Vol. 18 (1) 2008, S. 20–29.
Pollesch, René: Prater-Saga. Volksbühne im Prater. Hg. von Aenne Quiñones. Berlin: Alexander-Verlag, 2005.