Lochte Helene Elise
Der österreichische Spielfilm How to Be Normal and the Oddness of the Other World (2025) von Florian Pochlatko zeichnet das Leben einer Person, die sich zwischen aufgedrückten Diagnosen und Medikamenten, Arbeitsalltag, Partyleben und Herzschmerz verliert. Pia (Luisa-Céline Gaffron) ist wütend und verzweifelt. Pia hat Angst, ist mutig, voller Energie, hat Panikattacken und Wahnvorstellungen. Sie verläuft sich in einer Welt aus bunten Splittern.
Pia lebt in Wirklichkeiten, während die Welt aus den Fugen gerät: Hochwasser, Erdbeben, Waldbrände. Klimakatastrophen. Bei Pia bebt der Kopf. Sie ist Mitte 20 und zieht nach einem Aufenthalt in der Psychiatrie wieder bei ihren Eltern ein. Mutter und Vater sorgen sich immens, Exfreund Joni vermisst die „alte“ Pia. Doch wer ist die „alte“ Pia? Ihre Umgebung scheint sie nicht mehr als „normal“ zu erkennen. Ihr Exfreund Joni und ihre beste Freundin Julia sind überfordert und Pias Eltern schrecklich verzweifelt, doch in einem scheinen sich alle einig zu sein: Pia ist eine „Naturgewalt“. Dabei sehnt sich Pia einfach nur nach Ruhe und sucht Halt. Der Nachbarsjunge Lenni ist ihr Partner in Crime. Sie treffen sich im Garten und spielen. Sie wappnen sich gegen die „grauen Männer“ – Figuren aus dem Roman Momo (1973) von Michael Ende – und sammeln ihre Superkräfte. Sie dürfen keine Zeit verlieren. Denn die „grauen Männer“ stehlen die Zeit. Doch was für Lenni lediglich ein Spiel ist, ist für Pia Wirklichkeit. Pia flüchtet in einen Wald. Sie fühlt sich bedroht. Lenni begleitet sie und merkt, dass Pia bedrückt ist, dass es für Pia mehr als nur ein Spiel ist. Pia bricht zusammen und erzählt Lenni: „Ich glaub ich hab mein Gesicht verloren. Ich glaub ich hab mich einfach ur arg verlaufen.“ Lenni malt ihr Gesicht nach: „Da ist es doch!“.
Pia hat eine Psychose und als Zusehende nehmen wir an einer ästhetischen Reise teil, an Pias Fantasien und Wahnvorstellungen im Schnelldurchlauf. Der Film operiert mit vielen Schnitten, Bildformatwechseln und einer großen Portion Humor. Während die Mutter unter Tränen im Radio den Katastrophen der Welt lauscht und als Synchronsprecherin einer Nachrichtenagentur verheißungsvoll über Zombie-Schnecken berichtet, soll Pia wieder einen ganz „normalen“ Alltag leben. Ihr Vater nimmt sie mit in seine Firma – eine Druckerei. Pia geht dort einem öden, klassischen Bürojob nach. Scannen, Kopieren, Einheften. Sie erledigt ihre Aufgaben, dennoch ist es ihr kaum möglich in der „Realität“ anzukommen. Pia fühlt sich durch die Medikamente, die sie nehmen muss, ganz aufgeweicht – wie ein Käse. Pochlatko inszeniert die Figur Pia mit einer Scheibe Käse im Gesicht, mal mit Post-Its im Gesicht, mal mit DIN-A4-Papierzetteln. Es wird symbolisch unterstrichen, dass Pia ihr Gesicht verloren hat. Absurde Bilder für ein schreckliches Gefühl. Pia hat sich selbst verloren. Sie weiß nicht mehr wo oben und wo unten ist, was Realität und was Einbildung ist. Auch als Zusehende fällt es schwer zu verstehen, was „wirklich“ passiert und was nicht. Was ist Pias Wahn geschuldet und was nicht? Was ist überhaupt die Wirklichkeit, wenn die Konsequenzen der eingebildeten Welt tatsächliche Folgen haben?