Sarah Barth
Callas, Darling ist das Langfilmdebüt von Julia Windischbauer, die Regie geführt, den Film produziert und die Hauptrolle gespielt hat. Es handelt sich um eine Low-Budget-Produktion, die über mehrere Wochen in Österreich und im Südosten Europas gedreht wurde. Das Publikum wird in dem Roadmovie auf die Reise mitgenommen, die in einem Dorf in Albanien ihr Ende findet. Sie beginnt jedoch in Österreich: Marie/Karo/Karle bleibt nach einer wilden Fahrt bei einer Tankstelle stehen, ist sichtlich aufgelöst und im Voice-over wird impliziert, dass sie plant, sich das Leben zu nehmen. Just in diesem Moment steht Gerlinde vor ihrem Auto und will mitfahren. Dass sie damit Maries Leben rettet, scheint ihr bewusst zu sein. Diese Impression, dass die beiden füreinander eine neue Chance darstellen, durchzieht den Film. Auf der Reise von Österreich nach Albanien und vor allem während des Aufenthalts dort verändern sich die Hauptfiguren, was klassisch für ein Roadmovie ist. Auch die Dynamik zwischen ihnen entwickelt sich, bis eine besondere, wenngleich ambivalente Beziehung entsteht.
Neben der transformativen Reise ist auch die Flucht ein genretypisches Element von Roadmovies. Dieses macht Callas, Darling mit Thelma and Louise vergleichbar. In diesem Film lassen die Protagonistinnen eine Welt zurück, in der sie aufgrund von Konventionen nicht so leben können, wie sie wollen. Zudem fliehen sie vor dem Gesetz, weil Louise einen Mann erschießt, der Thelma vergewaltigen wollte. Auch Marie ist auf der Flucht, sie wiederum lässt ein Leben zurück, das von Krankheit und dem Tod ihrer Mutter geprägt ist. Sie flieht vor der Art von Behandlung, die sie als Frau mit psychischen Problemen erfährt. Andere Menschen gehen nämlich mit ihr um, als hätte sie abseits ihrer Krankheit keine eigene Identität mehr. Sie wünscht sich also einen Neuanfang, wie Thelma und Louise, die es deshalb bis nach Mexiko schaffen wollen, bevor sie von der Polizei erwischt werden. Eine weitere Parallele der beiden Filme sind die Figuren von Brad Pitt und Lea Drinda, die beide vorübergehend als Passagiere im Auto mitfahren. Er betrügt jedoch seine Chauffeurinnen, indem er ihnen Geld stiehlt und sich davonmacht, während Siri mit Gerlinde und Marie eine relativ schöne Fahrt genießt und sich wieder absetzen lässt, bevor die anderen Richtung Albanien weiterdüsen. Beide Figuren markieren jedoch durch ihr Auftauchen und Verschwinden die vordergründige Tragweite der Beziehung zwischen den Protagonistinnen. Bei erster Betrachtung ist die Notwendigkeit von Lea Drindas Rolle nicht genau erkennbar. Siris Signifikanz offenbart sich jedoch bei der Beschäftigung mit Thelma and Louise.
Während der Reise verändert sich die Persönlichkeit der Hauptfigur mehrmals, wobei sie während jeder Entwicklungsstufe einen anderen Namen trägt. Zu Beginn des Filmes nennt sie sich Marie. Sie wollte eigentlich mit dem Leben abschließen, sie war ,,bereit zu gehen‘‘, wie sie im voice-over sagt. Gerlinde hält sie auf, indem sie sich zu ihr ins Auto einlädt. Marie wurde also unerwartet ein neuer Start ins Leben ermöglicht. Neben Gerlinde erfindet sie sich neu, weil sie nicht mehr auf ihre Krankheit reduziert wird. Karo, wie sie ihr Bruder Leon nennt, ist der Teil ihrer Identität, der eigentlich in Österreich und in der Vergangenheit begraben werden sollte. Als Leon sie in Albanien findet und ihr vorwirft, einfach verschwunden zu sein, ohne Bescheid zu geben, wird Marie auch für die anderen Figuren zu Karo, wodurch ihre fragile neue Persona zerfällt. Sie wird von ihrer Vergangenheit eingeholt und muss sich damit auseinandersetzen. Gerlinde akzeptiert sie jedoch trotzdem, wodurch sich Karo als Karle entfalten kann. Es handelt sich hierbei um eine weibliche Form des Namens Karl, der ,,freier Mann‘‘ bedeutet. Karle ist also endlich frei von den Fesseln ihrer Vergangenheit, zugleich hat sie auch ihr Verdrängungsbedürfnis überwunden. Sie ist nun bereit für einen richtigen Neuanfang. In den drei Namen, die sie während der Handlung des Filmes trägt, spiegelt sich demnach ihre persönliche Entwicklung wider.
Albanien ist die Endstation der Reise. Untypisch für ein Roadmovie verbringen die Hauptfiguren hier sehr viel Zeit, wodurch es so wirkt, als seien sie an ihrem Ziel angekommen. Dies ist jedoch für Karle nicht der Fall. Sie findet zwar an diesem Ort und bei Gerlinde Zuflucht, weil sie hier abgeschottet von Österreich und damit ihrer Vergangenheit existieren kann. Jedoch hält sie sich in einer Art zeitlosem Raum auf, indem sie von ihren bisherigen Umständen zwar unberührt bleibt, wo ihr Leben aber dadurch wie erstarrt ist. Es geht weder nach vorne noch nach hinten, es ist eingefroren. Hier kommt wieder Gerlinde ins Spiel, die Karle die Perspektive aufzeigt, die sie braucht, um aus diesem Vakuum herauszukommen. Nach und nach stellt sich heraus, dass die Entwicklungsstränge der beiden Frauen auseinander gehen. Karle dachte, sie sei angekommen, dabei beginnt in Albanien erst die wirkliche Reise, bei der es sich um den Rest ihres Lebens handelt. Den hätte sie ohne Gerlinde verpasst. Diese hingegen hat im Geburtsort ihrer verstorbenen Frau tatsächlich die Endstation ihrer (Lebens-)Reise erreicht. Sie besucht die Gräber der Eltern ihrer Geliebten, zündet in einer Kirche eine Kerze für sie an, verbringt eine schöne Zeit, und doch: Sie ist angekommen. Ihr rastloses Herumirren findet hier in Albanien ein Ende, weil sie endlich abschließen kann. Dies bedeutet aber (was nur suggeriert, nicht explizit ausgesprochen wird) für sie auch den Abschluss mit ihrem Leben, welches sie nun beenden will. Karles Bruder Leon erkennt dies und appelliert an sie, sich wenigstens von Karle zu verabschieden, da ihr diese Möglichkeit im Fall der Mutter bereits genommen worden war. Gerlinde verschwindet daraufhin und wird in einer dramatischen Schlussszene von Karle gefunden. Ihr bisher ambivalentes Verhältnis, das sowohl Elemente einer Mutter-Tochter-, als auch einer Liebesbeziehung innehat, wird in einem letzten Gespräch von Karle verbalisiert.
Um auf Thelma and Louise zurückzukommen und einen weiteren Vergleich zu ziehen, sind die jeweiligen Schlussszenen der beiden Filme gegenüberzustellen. Die von Susan Sarandon und Geena Davis verkörperten Figuren fahren am Ende von Thelma and Louise mit ihrem Ford Thunderbird von einer Klippe in den Grand Canyon und werden mit einem freeze frame in der Luft angehalten, womit die Handlung durch ein endgültiges, befreiendes wenngleich tragisches Moment beendet wird. Callas, Darling schließt für keine der beiden Hauptfiguren auf ganz so kathartische Weise, weil das Ende offen bleibt. Karle sucht nach Gerlinde, extradiegetisch singt Maria Callas ,,L’amour est un oiseau rebelle‘‘ (Carmen von Bizet). In dem Stück geht es um die Liebe als Vogel, der sich nicht einfangen lässt, weil er seine Freiheit nicht aufgeben will. Diese Lyrics in Kombination mit dem plötzlich in schwarz-weiß gehaltenen Bild untermalen die Szene, in der Karle ihre Liebe zu Gerlinde offenbart. Metaphorisch könnte man sagen, sie lässt ihre Gefühle davonfliegen, weil sie erkannt hat, dass sie sie ohnehin nicht festhalten kann. In einem emotionalen Monolog gesteht sie Gerlinde, dass ihr Leben durch ihr Treffen einen drastischen Einschnitt erhalten hat – wie die Welt durch Maria Callas. Gerlinde hat Karle gerettet und ihr eine mögliche Zukunft offenbart. Die Gefühle, die dabei zwischen den beiden entstanden sind, lassen sich kaum mit Worten beschreiben, sie sind also, wie von Callas besungen, nicht festzuhalten.