Warum toxische Maskulinität auf queeren Filmfestivals nichts zu suchen hat

Review by Stella Jarisch

Love is the Devil: Study for a Portrait of Francis Bacon, by John Maybury,
United Kingdom/France/Japan/USA 1998

„Come to bed and you can have whatever you want.“, das verspricht Francis Bacon dem jungen George Dyer, als er ihn auf der Suche nach Diebesgut in seinem Atelier entdeckt. Der Anfang einer Beziehung, die von Missbrauch, Schmerz und schlussendlich Georges Selbstmord geprägt ist.

Kennt mensch die Gemälde Francis Bacons, ist der Wiedererkennungswert in der bildsprachlichen Umsetzung des Films groß. Jede Einstellung, Kamerafahrt und Farbwahl ist bis ins kleinste Detail geplant. Sie spiegeln wahrheitsgetreu die Darstellung der Subjekte, Raumwahrnehmung und Stimmung, wie sie im Lebenswerk des Künstlers anzutreffen sind, wieder. In Bezug auf die Subjekte verfolgt Regisseur John Maybury einen ausgeprägt voyeuristischen Blick: den Bacons. Dieser beobachtet genau und saugt Eindrücke für sein späteres Schaffen auf. Verdeutlicht wird das durch wiederkehrende Detailaufnahmen der Augen des Künstlers. Seine Freund*innen werden, verzerrt durch den Boden eines Weinglases, als maßlos agierende Gestalten, „the concentration of camp“ gezeichnet. George Dyer als Person wird neben seinem ansteigenden Alkoholkonsum kaum vorgestellt. Aus einer prekären Lage in die Kunstszene gestolpert, wird er von Francis in eine für ihn gesellschaftlich akzeptable Form gepresst und finanziell versorgt. Zuwendung erfährt sein Charakter jedoch fast ausschließlich durch den Pinselstrich, porträtiert von einem der bedeutendsten Künstler*innen des zwanzigsten Jahrhunderts. Was aus Leidenschaft entstand, verwandelt sich spürbar in eine Obsession. Eine Obsession mit dem Idealbild der Muse, nicht der Person an sich. Aus Dyers Sucht und Schmerz schöpft Bacon Inspiration.

Die Darstellung Bacons Blick, der wahre Protagonist dieses Films, wird durch dreiteilige Objekte in seiner Gegenwart verstärkt. Die Anspielung auf seine bevorzugte Arbeitsoberfläche, dem Triptychon, verstärkt die Diskrepanz zwischen Maler und Muse, denn wird Dyer in Krisensituationen gezeigt, dann meist in eng konstruierten Räumen, die in ihren geometrischen Formen eine klare Referenz auf Francis Bacons Gemälde sind.
Die Übersetzung dieser Gemälde in eine filmische Bildsprache beschränkt sich nicht nur auf optische Merkmale. Die Darstellung exzessiver Gewalt, ausgeübt an der menschlichen Figur, löst Unbehagen, gleichzeitig aber Faszination aus. Eine Stimmung, die es John Maybury in seinem Film festzuhalten gelingt. „Love is the Devil“ macht es mensch leicht, sich von der kunstvollen Filmästhetik einnehmen zu lassen.

Auf der Suche nach „queeren“ Aspekten in diesem Film habe ich mir jedoch den Kopf zerbrochen. Reicht es, zwei Männer, die in einem sexuellen Verhältnis zueinander stehen, als Protagonisten auf die Leinwand zu bringen? Vielleicht war der Film 1998 eine Besonderheit, weil er als Fernsehproduktion der BBC anlief und somit im Mainstream angekommen war. Vergleicht mensch ihn mit beispielsweise unabhängigen schwul-lesbischen Filmen der 1990er, hat er jedoch nichts erwähnenswert „Queeres“ vorzuweisen. Zu sehen bekommen wir vor allem Brutalität, Suff und Egomanie. Ein allzu bekanntes Bild des leidenden Künstlers wird gezeichnet. Bacon lebt als Originalgenie nach seinen eigenen Gesetzen und für die freie künstlerische Entfaltung seines Selbst. Kreativität schöpft er aus seinen persönlichen Traumata und projiziert diese in seinen Werken, wie im Leben, auf Freund*innen und Partner. Francis verschmilzt dermaßen mit seiner Kunst, dass er sich selbst bemalt und im dreigeteilten Spiegel betrachtet. Die vollkommene Verkörperung seines Handwerks.

Kreativität, die in Verbindung mit psychischen Erkrankungen dargestellt, aber nicht problematisiert, sondern im schlimmsten Falle romantisiert wird: das ist ein Phänomen, das häufig in verschiedensten Kunstformen anzutreffen ist und es macht mich wütend. Hannah Gadsby findet in ihrer Show „Nanette“ für dieses Phänomen die richtigen Worte: „Creativity means you must suffer, that it’s the burden of creativity? Just so you can enjoy it? Fuck you, Mate!“ [1].
Außerdem fördert dieser Blick auf Kreativität in Verbindung mit Leid eine kapitalistisch und im Grunde zutiefst heteronormative Denkweise. [2] Die dargestellte Person ist meist weiß, hat Räumlichkeiten und Zeit sich intensiv mit dem eigenen Schaffen zu befassen und produziert auf Kosten des eigenen Wohlbefindens. Sieht mensch „Queerness“ als breitgefächertes sozial-strukturelles Umdenken, lässt sich „Love is the Devil“ schwer aus diesem Blickpunkt beleuchten.

Egal ob schwul oder nicht, wir müssen einem alten weißen Mann wiederholt bei Monolog-Sequenzen über sich selbst zuhören, während relevante Thematiken wie finanzielle Abhängigkeit in Beziehungen, Drogenkonsum oder psychischer Missbrauch einfach als Subtext gehandhabt werden. Frauen haben kleine Nebenrollen, Diversität ist keine vorhanden. Wird ein Film als „queer“ gelabelt, geht damit eine bestimmte Verantwortung einher, die diesem Film nicht zugeschrieben werden kann.

[1] Vgl. „Nanette“, R.: Madeleine Parry, Jon Olb, Netflix 2018.

[2] Sommerville, Siobhan B., „Queer“, in: Keywords for American Cultural Studies, hrsg. v. Bruce Burgett/ Glenn Hendler, New York: New York University Press2 2014,S. 203-207.

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