Verleugnete Liebe

Review by Anna Grobauer

A Dog Barking at the Moon (Zai jian nan ping wan zhong),
by Lisa Zi Xiang, Stateless 2019

Xiang Zis Feature-Film Debut verhandelt die Probleme des unterdrückenden chinesischen Gesellschaftssystems und versucht ein Bild zu geben, wie die darin lebenden Menschen sowohl miteinander als auch mit den strikten Lebensvorlagen umgehen. Sie stellt in A DOG BARKING AT THE MOON drei Familienmitglieder gegenüber, die zwar miteinander leben, aber sich über die Jahre zunehmend zueinander verfremdet haben. Hier ziehen sich auch die Parallelen zu Joan Miros namensgebenden Kunstwerk, in dem sich die Charaktere, ein Hund und der Mond, ebenfalls gleichgültig zueinander verhalten, obwohl eine Leiter ungenützt links im Bild ist. [1]

Im Mittelpunkt der Handlung steht neben der Tochter Huang Xiaoyu (Nan Ji), ihre Mutter Naren Hua (Li Jiumei), die versucht den Ansprüchen des traditionellen Familienbildes gerecht zu werden. Dabei verzweifelt sie einerseits an der Weltoffenheit ihrer Tochter, die sich unter anderem dadurch äußert, dass sie mit ihrem europäischen Verlobten zur Wiedervereinigung der Familie nach Hause zurückkehrt, aber vor allem an der Homosexualität ihres Ehemannes, der sie von Zeit zu Zeit mit männlichen Sexualpartnern betrügt. Neben dieser toxischen Ehe stellt sich auch das Mutter-Tochter Verhältnis als kompliziert heraus. Naren Hua schlägt nicht nur jeglichen Rat ihrer Tochter (zum Beispiel zur Beantragung einer Scheidung) ab, sondern gibt ihr auch die Schuld für die missratene Ehe.

Durch die zeitlich nicht lineare Aufarbeitung der Geschichte verdeutlicht sich die Angespanntheit der Familiensituation immer mehr. Die Einsamkeit der Mutter wird nicht nur auf Handlungsebene, sondern durch eine gezielte mise-en-scene dargestellt, die die Regisseurin durch Nahaufnahmen von Körpern (vor allem der der übrigen Charaktere) und deren Berührungen inszeniert, die im Kontrast zu Naren Huas Distanz stehen. Oft vernachlässigt die Kamera dabei sprechende Personen und schenkt ihre Aufmerksamkeit zunehmend den Zuhörenden und ihren Reaktionen.

Im Allgemeinen wird die Realität der Konflikte erschreckend nahegebracht. Auf Filmmusik wird fast zur Gänze verzichtet, die Intensität von Geräuschen und Stimmen betont. So wird der Fokus auf die Charaktere, deren Verhältnis zueinander und auf das Gesprochene gelenkt. Dies verstärkt sich einmal mehr, wenn Xiang Zi die Szene ihres „realistischen“ und damit einhergehend identifizierbaren Bildes beraubt und die Figuren -ohne deren Bewusstsein- die Handlung im Scheinwerferlicht einer schwarzen Bühne fortführen lässt. Die Regisseurin fordert damit ein aktiveren ZuschauerInnenblick ein und schafft mehr Bewusstsein über die Situation.

Die Verzweiflung der Mutter gerät letztendlich aus dem Ruder, als sie einem buddhistischen Kult beitritt, um Heilung für die vermeintliche „Krankheit“ ihres homosexuellen Mannes zu suchen. Nach und nach fügen sich die verschiedenen Handlungsstränge ihrer Jugend, der frühen Ehe und der Gegenwart jedoch zusammen und es stellt sich heraus, dass Naren Hua unter Selbstoppression leidet und (unbewusst) vorgibt jemand zu sein, die sie nicht ist: in einer Konfrontation mit ihrer Tochter stellt sich letztendlich heraus, dass sie seit ihrer Jugend ihre eigene Homosexualität unterdrückt.

Der Film verliert bis zum Ende nicht an Spannung, durch die gelungene Fragmentierung der Handlungsstränge. Xiang Zi führt so die erschreckende Lage einer unterdrückten Gesellschaft vor Augen, die durch vorgegebene traditionelle Rollenbilder gelenkt wird.

[1] https://www.screendaily.com/reviews/a-dog-barking-at-the-moon-hong-kong-review/5137763.article

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