Zwischen Schnee, Eis und Streik


Jakob Elias Kretz

Zwischen Schnee, Eis und einem Streik der Berliner Verkehrsbetriebe fand vom 13. bis zum 23. Februar die 75. Berlinale in der deutschen Hauptstadt statt. So wechselhaft die Temperaturen zwischen stolzen 3° und bis zu -11° sprangen, so vielseitig waren auch die Höhen und Tiefen der Filme, welche das internationale Publikum auf den verschiedensten Leinwänden Berlins bestaunen durfte.

Nicht nur die Multiplex- und „Indie“ Kinos werden für die Berlinale mobilisiert, auch Konzerthallen wie die Uber Eats Music Hall, über dessen Namen sich Timotheé Chalamet bei meinem „A Complete Unknown“ Screening amüsierte, werden für das Festival in ein Lichtspielhaus verwandelt.

Das schönste an Filmfestivals sind für mich nicht etwa direkt die Filme, bei denen man natürlich das Privileg hat, sie vor dem Weltpublikum zu sehen, sondern viel mehr die gesamte Atmosphäre, die auch neben dem Saal mitschwingt. In der ganzen Stadt und besonders in der Umgebung der Kinos finden sich Menschen mit Akkreditierungsbadges und die Vorfreude und Lust auf Film ist überall spürbar. Neben dem connecten mit anderen tfm-Akkreditierten war mein soziales Highlight hier ein längeres Gespräch mit einem chinesischen Studenten der aktuell in Polen lebt und für die Berlinale extra angereist kam. Gerade mit Menschen zu sprechen die aus einem ganz anderen Teil der Welt mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen kommen, aber auch die Leidenschaft für Film teilen, halte ich für die wertvollste Chance, die diese Filmfestivals mit sich bringen. Und so war ich sehr froh darum, dass mein Mickey17 Screening sich aufgrund technischer Probleme verzögerte und ich ins Gespräch mit ihm kam.

Ein klarer Kritikpunkt für mich wäre jedoch der, dass die Berlinale, fairerweise der Stadt selbst geschuldet, es teils sehr schwer macht einen ausgeklügelten Filmplan umzusetzen. Die Entfernungen zwischen den Kinos, auch wenn es ein bestimmtes Zentrum gibt, sind manchmal nicht machbar gewesen. Dazu kommt, dass die Säle aufgrund der freien Platzwahl sehr viel früher vor den jeweiligen Filmen öffnen. Die Viennale hingegen macht das aus meiner Sicht deutlich besser, da die teilnehmenden Kinos nur einen Fußweg von 10min entfernt sind.

Positiv würde ich hingegen wiederrum die Kinos selbst hervorheben. Die Anlage in der Uber Eats Music Hall, die dem Namen bereits zu entnehmen kein reguläres Kino ist, war wirklich beeindruckend. Auch die sehr bequemen Spezialsitze im Cinemaxx für die Pressevorführungen haben den einen oder anderen Film sehr ertragbar gemacht.Um nun einmal direkt über die gesehenen Filme zu sprechen hier einmal meine Low- und Highlights der Berlinale:

Überhaupt nicht gefallen hat mir „The Thing with Feathers“, dem Langfilm Regie Debüt von Dylan Southern mit Benedict Cumberbatch in der Hauptrolle, über einen kürzlich verwitweten Vater von zwei Söhnen. Dieses fast 100-minütige Drama stellt eine äußerst plumpe Allegorie einer Krähe in den Mittelpunkt, bei der es sich jedoch anfühlt, als stünde diese Verbildlichung von emotionalem Schmerz, Tod und Verlust der Prämisse des Films vielmehr im Weg als sie irgendwie zu bestärken.

Weiterhin enttäuscht hat mich Jan Ole Gersters „Islands“ ein 123 minütiger Thriller über einen Tennislehrer, welcher bei seiner Arbeit an einem Luxushotel auf einer Insel in einen mysteriösen Fall verwickelt wird. Gerster will mit seinem Film die Sehgewohnheit seiner Zuschauer*innen auf die Probe stellen und austricksen, scheitert aus meiner Sicht jedoch schon an seiner Struktur, zumal ich besonders im Nachhinein an mindestens 3 Filme denken musste, die eine ähnliche Wirkung erzielen wollten und dies auf deutlich nachdrücklichere und gelungenere Art getan haben, wie beispielsweise Brian DePalmas „Body Double“.

Ein Highlight für mich war hingegen der Eröffnungsfilm der Berlinale, Tom Tykwers „Das Licht“ . Dieser Film ist mit seinen 2 Stunden und 42min relativ lang und Ich muss auch gestehen, dass man diese Laufzeit zu spüren bekommt. Weiterhin muss ich erwähnen, dass ich so ziemlich der Einzige der tfm-studierenden mit denen ich gesprochen hatte, war, der den Film mochte. Dieser Film war für mich jedoch neben seinen ernsten Themen eine wirklich unterhaltsame Satire auf Berlin und dessen Linkselitäre Szene. Tom Tykwer spielt nicht nur mit Klischees, er bringt sie völlig zum Übersprudeln.

Mein absolutes Highlight war jedoch ein französischer Film mit dem Titel „Reflet dans un diamant mort“ (engl. Reflection in a dead diamond) von Bruno Forzani und Helene Cattet. Dieser äußerst experimentell gestaltete Film, der wirklich nur schwer zu beschreiben ist, zeigte einmal mehr, dass James Bond Parodien und Satiren oftmals so viel interessanter sein können als die eigentliche Reihe selbst. Ein 70-jähriger EX-Spion lebt hier in einem Hotel an der Côte d’Azur und wird immer wieder von Visionen und Erinnerungen aus seiner aktiven Zeit als Agent heimgesucht. Diese verschwimmen teils mit seiner Realität und diese Mystik dahinter, kommt auch sehr gut in der Inszenierung zur Geltung.

Insgesamt war es eine sehr tolle Erfahrung. An die nächste Runde tfm-akkreditierte: probiert unbedingt die indische Cocktailbar neben der Uber Eats Music Hall aus!