Weltbetrachtung statt Weltflucht – Berlinale erleben in politisch turbulenten Zeiten

Lilia Geigenberger

Meine Erfahrung der 75. Berlinale war, neben vielen starken Filmen und lustigen Momenten zwischen den Screenings, von einer großen Überforderung geprägt, die daher rührte, dass in diesen Zeiten jede Woche mehrere politische Ereignisse an der eigenen Verankerung in der Welt rütteln. Dass die Bundestagswahl und der finale Tag des Festivals zusammengefallen sind, ist nur ein Beispiel. Eine kleine Auswahl dessen, was außerdem während der Berlinale passiert ist: In München fuhr ein Auto in eine demonstrierende Menschengruppe, der US-Vizepräsident prangerte die angeblich eingeschränkte Meinungsfreiheit in Europa an, Demonstrationen in Serbien gegen Korruption und den Präsidenten Vučić, andauernde Proteste in Georgien gegen die russlandnahe Regierung, USA und Russland verhandelten über die Ukraine hinweg, während Russland weiter ohne Rücksicht die Ukraine angreift, im Gazastreifen wird um die Waffenruhe gerungen, am Holocaust-Mahnmal in Berlin ist ein Mann Opfer eines antisemitisch motivierten Angriffs. Diese ganzen Ereignisse und deren Konsequenzen im Hinterkopf zu haben, während man sich einen Film nach dem anderen anschaut, ist die reinste Entfremdung der eigenen Existenz.  Nach den ersten Tagen sehnten mein*e Kolleg*in Mari und ich uns nach politischen Debatten und Aktivismus. Natürlich werden in einigen Filmen politische Erfahrungen und Gedanken thematisiert, jedoch ist nach spätestens zweieinhalb Stunden der Abspann gelaufen und man ist entweder zwischen lauter Menschen, die ihrem Alltag nachgehen oder im nächsten Film – dabei möchte man eigentlich schreien. Wenn doch einmal im Nachgespräch eine politische Rede gehalten wird, die einem Hoffnung auf eine produktive und nachhaltige Diskussion gibt, kann man förmlich spüren, wie im Saal die Fronten aufgezogen werden bis die ersten Parolen in der Anonymität des Kinos aneinander vorbeigerufenen werden. Das alles ist wohl eine Erfahrung, für die man nicht auf die Berlinale gehen müsste, sondern auch eine Stunde im Internet ausreicht, doch das führt hier zu weit.

Ein Film, der sich sehr gut mit dem Politischen der Vergangenheit und der Gegenwart auseinandersetzt, ist Bedrock. Der polnische Film dokumentiert wie sich an Orten des Holocausts sich der Alltag und die Gegenwärtigkeit der Vergangenheit gestaltet. Dabei werden einem ehrliche Einblicke in Freund*innengruppen und Familien, aber auch Arbeitsprozesse Einzelner gewährt. Zum Beispiel die Bemühung eines jüdischen Forschers, Massengräber und Spuren des Holocausts wiederzufinden. Er erzählt von seinem Vorgehen, in Dörfern nach den ältesten Personen zu suchen, die auf der Seite der Nationalsozialisten waren und sie so lange zu befragen und ihnen ins Gewissen zu reden, bis sie ihm die Orte zeigen, an denen sie vor 80 Jahren waren und schreckliche Dinge jüdischen und anderen marginalisierten Menschen angetan haben. Am Ende schafft es der Film auf eine kunstvolle und wirksame Art, andere gegenwärtige Missachtungen der Menschenrechte mit dem Gesehen zu verbinden. Die Bilder und Geschichten bleiben noch lange nach dem Film im Kopf.

In den 19 Jahren, die ich in Berlin verbracht habe, ist die Berlinale nur selten Fokus meiner Aufmerksamkeit geworden. Es gab zwar viel Werbung, aber an Karten zu kommen, gestaltete sich immer als sehr schwierig und schreckte mich auf jeden Fall ab. Zudem sind alle Filme, die nicht den beiden Wettbewerben für Kinder zugeordnet werden, altersbeschränkt auf 18 – was mich in meinen noch jüngeren Jahren zumindest ein bisschen beleidigte – wieso darf ich denn bitte nicht die gleichen Filme sehen wie die Erwachsenen?

Nun ja, dass auch hinter diesen Kategorien großartige Filme stecken, hat mir diese Berlinale gezeigt. Einer meiner Favoriten und der erste Film meines langen Kinomarathons, gehört zur Generation Kplus: Only on Earth. Gezeigt werden die bergige Landschaft des südlichen Galiziens und die Waldbrände in trockenen Sommern, die Natur, Tier und Mensch plagen. Der Film ist durchzogen von unglaublich wirkmächtigen Bildern zum einen von den Menschen, die versuchen mit der Natur umzugehen, ob das nun Brand oder Tier ist, und zum anderen von der Natur, die immer wieder ihre Unabhängigkeit und ihre Schönheit zeigt. Es werden keine Hierarchien dargestellt, sondern visuelle und emotionale Parallelen gebaut zwischen Mensch- und Tierherden, zwischen Mensch und Feuer. Immer wieder täuschen einen die Dimensionen. Sind das leuchtende Städte in der Nacht oder glühende Brandreste auf dem Erdboden?  Ist das ein abgebrannter Strauch im verrauchten Morgen oder eine Pflanze am trüben Meeresgrund? Man ist in Ehrfurcht vor der Natur und erkennt die eigene Verwobenheit in ihr, wie wir versuchen sie zu formen und zu beeinflussen. Im Nachgespräch erklärt die Regisseurin, dass es ihr wichtig war, die Ambiguität der Beziehung der Menschen zu der umgebenden Natur und ihren Tieren zu zeigen. Das gelingt besonders in den Szenen der Wildpferde, und zwar so, dass man sein eigenes Menschsein ein bisschen zu vergessen beginnt, und sich in die Tiere und die Natur hineinversetzt. Und auf die gleiche Weise, wie man denkt, sich in die Tiere hineinfühlen zu können, fühlt man sich in die gezeigten Menschen hinein. Die Menschen wirken wie einzelne Tiere oder Herden, die auch nur versuchen mit den Waldbränden umzugehen. Wobei man nicht umhinkommt sie, bzw. sich selbst zu belächeln, da wir letztendlich selbst für diese schlimmen Brände verantwortlich sind.

Im Laufe der Berlinale habe ich 26 Screenings gesehen, wobei manche aus mehreren Kurzfilmen bestanden. Ein paar, die mir sehr gefallen haben, will ich hier noch nennen und hoffen, dass sie mehr Aufmerksamkeit bekommen, als Kurzfilmen sonst zugedacht wird.

Guochang (Fruit Farm) behandelt die Suche nach den Spuren eines Arbeitslagers in China, in dem der Vater der Regisseurin interniert war. Das Arbeitslager gibt es seit einigen Jahrzenten nicht mehr. Die letzten ehemaligen Gefangenen, die noch im gleichen Ort leben, sterben. Der Film hält sich an den letzten Menschen und Resten dieser Vergangenheit fest, bevor diese verschwinden werden.

Shinagani gazapkhulebis q’vaviloba (Inner Blooming Springs) ist eine sehr nahbare Erfahrung junger Studierender in Georgien, die sich mitten im Kampf um ihre Demokratie befinden. Der Film wirkt besonders stark, weil man sich in diesen Menschen mit ihren Witzen, Style und Alltag wiedererkennt, aber diese Menschen ringen gleichzeitig um ihre grundlegendsten Rechte. Ich habe den Film einen Tag nach My Undesirable Friends: Part I — Last Air in Moscow gesehen, und sie harmonieren auf bedrückende Art sehr miteinander. Denn in beiden Filmen setzt das „foreign-agents law“ den Ton. Das Gesetz wird in Russland dazu genutzt, unabhängige politische Organisationen, die Russland als „vom Ausland unterstützt oder beeinflusst“ einstuft, zu kontrollieren und schlussendlich zu vernichten. Ein ähnliches Gesetz wurde 2024 in Georgien verabschiedet, weshalb seitdem täglich Proteste im ganzen Land stattfinden.

Zum Abschluss noch ein paar (vielleicht kryptische) Zwei-Satz-Kritiken:

The Thing with Feathers hatte eine Kombination aus Horror und Humor, die ich noch nie gesehen habe – ich bleibe sonst grundsätzlich Horrorfilmen fern, dieser hatte sich getarnt. Wenn man nicht grinsend und angsterfüllt die Augen zusammenkneift, macht man sich Sorgen um die Kinder, die vor einem völlig fertigen und inkompetenten Vater sitzen, der auch bis nach dem Happy End des Films nie mit seinen Kindern über ihre verstorbene Mutter redet.

Khartoum schafft durch Greenscreen-Tricks eine respektvolle Erzählung von Erfahrungen aus dem Krieg im Sudan, ohne sich in einer Emotionalisierung zu verlieren. Der Film vermittelt den Schmerz der geflüchteten Menschen und ihrer Perspektive auf ihr Land – große Empfehlung!

Der Kurzfilm Koki, Ciao zeichnet mit sehr viel Humor und tierischer Emanzipation ein Bild der Tier-Diplomatie. Der kroatische Kakadu erzählt uns seine Lebensgeschichte, deren Glaubhaftigkeit bis zum Schluss in der Schwebe ist.