Mari Grützke
Ich war auf der 75. Berlinale.
Das Raum-Zeit-Gefüge, in dem ich mich befinde, fühlt sich an wie eine kurvige Berganfahrt in einem stickigen Reisebus. Mir ist übel. Wenn ich die Augen schließe, lassen sich die ewigen Slaloms trotz fehlendem Sauerstoff zwar kurz ausblenden, spätestens in der nächsten Kurve aber ist das Gefühl im Magen wieder da. Das Schöne an dieser Übelkeit ist, dass sie nur mich persönlich betrifft, und dass sie auch vorbei geht, sobald die Bergspitze erreicht ist. An dieser Stelle endet die Metapher zur global- und lokalpolitischen Lage. Die betrifft nämlich alle und hört nicht einfach auf. Die Übelkeit wird nur schlimmer und schlimmer und schlimmer.
Eine Woche lang, bin ich im frühlinghaften Sonnenschein des eiskalt verschneiten Berlins von Kino zu Kino spaziert. Die Sitze der Kinos katapultierten mich heraus meiner und hinein in abertausende verschiedene Realitäten. In den 24 Filmen, die ich gesehen habe, fand ich mich teils inmitten den brüllenden Flammen eines galizischen Waldbrandes, wann anders in einer Pariser Wohnung während der aufbäumenden 68er und sogar in einem intergalaktischen Raumschiff im lesbischen Weltall.
Eine ganz schön turbulente Woche, die die Übelkeit der bevorstehenden Bundestagswahl und ihrem beispiellos offensichtlichen Rassismus oder die als Friedensgespräche verkauften Aushandlungen über die verschiedenen Arten und Weisen die Ukraine zu unterwerfen, den schamlosen Entzug von Identitätsrechten für die Transcommunity in den USA und so vieles mehr aber trotzdem nicht erlöschen ließen. Stattdessen vermischen sich diese Realitäten in ein wirres in Reizüberflutung mündendes Kuddelmuddel.
Gegen den Versuch dieses Kuddelmuddel als Ganzes zu entwirren, folgt nun ein kurzer Abriss einiger Filme der Berlinale, deren Realitätsdarstellungen mich im Zusammenhang mit meinem Realitätserleben berührt haben.
Der Dokumentarfilm Bedrock (R.:Kinga Michalska, 2025), der in der Sektion Panorama lief, besucht zehn Schauplätze des Holocaust im zeitgenössischen Polen. Mit einer erstaunlichen Ruhe wohnt das Publikum den brodelnden Widersprüchen zwischen Mitschuld und Opferrolle, Gegenwart und Vergangenheit, Gedenken und Vergessen bei. Der Film endet im Osten des Landes, an der belarussischen Grenze. In den Wäldern dieser Gegend versteckten sich während der Shoa Juden und Jüdinnen auf ihrer Flucht an einen sicheren Ort, der sie aufnehmen würde.Dieselben Wege und Verstecke nutzen heute People on the move, die sich Sicherheit durch Asyl in Europa erhoffen.
Die Widersprüchlichkeiten in der Beziehung von Gegenwart und Vergangenheit endete nicht mit dem Abspann von Bedrock. Das Nachgespräch eröffnete die Regisseurin mit einer Rede über sich wiederholende Zyklen der Gewalt, Ausgrenzung und Hass. Michalska erwähnte dabei auch, sehr differenziert, den Genozid an Palästinenser*innen in Gaza. Das folgende Q&A war geprägt von verhärteten Fronten. Ich habe dieses Q&A als höchst interessante Darbietung einer extremen kognitiven Dissonanz unserer Zeit erlebt, in der Menschenrechte verschiedener Gruppen gegeneinander aufgewägt und um Begrifflichkeiten gestritten wird, statt den offensichtlichen Gewalttaten ins Auge zu sehen und sie zu verurteilen. Mit dem zuvor gesehenen Film erlangte diese Situation einen fast komikhaft absurden Höhepunkt.
Auch in diesem Film geht es um den Dialog zwischen Gegenwart und Vergangenheit: Duas vezes João Liberada (R.:Paula Tomás Marques, 2025) ist ein selbstreflexiver meta Biopic über das Leben einer Person, deren Genderidentität der portugiesischen Inquisition im 18. Jahrhundert als Angriffsfläche dient. Anstatt den Versuch zu unternehmen die Vergangenheit detailgetreu zu rekonstruieren, legt der Film seine Archivarbeit offen. Es stellt sich ein vielschichtiger Making-of Film heraus, in dem das Einwirken der Filmemachenden auf die Vergangenheit nicht einseitig bleibt, sondern João Liberada als sehr sassy und camp Geist die Gegenwart heimsucht und so eigene Agency erlangt. Das Zusammenkommen dieser unterschiedlichen Temporalitäten mit so viel Witz hat mir viel Hoffnung und Leichtigkeit gegeben. Ich hoffe andere Personen konnten aus diesem Film die gewalttätige Macht von Archiven herauslesen, und dass queere Menschen keine Erfindung des 21. Jahrhunderts sind.
Während der Berlinale habe ich stärker als sonst bemerkt, wie sehr mich Filmtitel in meiner Wahl und meinen Erwartungen beeinflussen. Besonders habe ich das bei den Shorts Programmen gemerkt, die nur durchnummeriert sind, also keinen vereinenden Titel tragen. Klar lässt sich darüber streiten, ob eine Betitelung des Programms den einzelnen Filmen unrecht tun würde. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich einen besseren Überblick gehabt hätte und mich beim Buchen mehr für die Shorts Programme entschieden hätte. Im Endeffekt habe ich zwei der Programme geschaut: „Origins: Five Queer Short Films of the 75th Berlinale“ und „Programm 3“. Ersteres war das einzige Programm mit einem Titel der wenigstens etwas über eine Nummer hinausgeht. Nach einigem Überlegen habe ich auch für „Programm 3“ einen Titel erdacht: Doppelter Boden. Hier wurden vier Filme gezeigt, die ich sehr mit meinerWahrnehmung der Welt in Verbindung gebracht habe. In ihnen wird die Gleichzeitigkeit multipler schmerzhafter Realitäten überdeutlich.
In Portales (R.: Elena Duque, 2025) geschieht dies auf eine spielerische Art. Der Film folgt dem Weg eines Flusses und findet dabei immer neue Portale, durch die neue Landschaften und Facetten der Umgebung offenbart werden. Doch wird ein starker Konflikt zwischen Natur und Kultur eröffnet, indem etwa Bilder friedlicher Landschaften mit von Autos befahrenen Straßen kontrastiert werden.
Tin City (R.: Feargal Ward, 2024) dokumentiert ein britisches Militärareal in Westdeutschland, das nach dem Modell einer Irischen Stadt gebaut ist. Hier wird die Unklarheit nationaler Grenzen und die konstante unsichtbare Präsenz militärischer Aktionen deutlich.
Akher Youm (R.: Mahmoud Ibrahim, 2024) zeigt den Auszug zweier Brüder aus ihrem, dem Abriss geweihten Wohngebäude. Währenddessen laufen im Fernseher Nachrichten über den Abriss palästinensischer Häuser in Jerusalem. Der Film hat durch seine Kürze eine enorm erschütternde Prägnanz, die daran erinnert, dass der Nachrichtenfluss keine abstrakte Erzählung ist, sondern echte Ereignisse beschreibt, die Menschenleben betreffen.
Al Basateen (R.: Antoine Chapon, 2025) ist ein Erinnerungs- und Fabulationsstück über ein vom Regime zerstörtes Viertel in Damaskus. Durch dreidimensionale Kollagen wird aufgedeckt, wie glamouröse Neubauprojekte nicht im luftleeren Raum entstehen, und wieviel Gewalt, Umsiedlung und Zerstörung hinter ihnen steckt.
Zerstörung, Umsiedlung und Gewalt sind wohl einige der ersten Begriffe die mir auch im Kontext des Krieges in der Ukraine einfallen. Der Dokumentarfilm Spetsialna Operatsiia (R.: Oleksiy Radynski, 2025) bringt allerdings einen ganz anderen Aspekt dieses Krieges zu Tage. Vollständig aus Material von Überwachungskameras konstituiert, zeigt der Film die Langeweile und Routine der im russisch besetzten Kraftwerk Tschernobyl stationierten Soldaten und zeichnet so ein eindrucksvolles Bild der Banalität des Bösen. Immer wieder sind unter den Aufnahmen auch Landschaftsbilder, Aufnahmen des Sonnenuntergangs oder von Fußspuren im Schnee zu sehen, die meine Gendanken auf die andere Seite der Kamera lenkten. Wer sind die ukrainischen Gefangenen die unerlaubter Weise das Überwachungssystem bedienten und wie geht es ihnen?
Gerne hätte ich noch mehr geschrieben. Etwa über die behutsam offene Erzählweise in Wenn du Angst hast nimmst du dein Herz in den Mund und lächelst (R.: Marie Luise Lehner, 2025), oder über die äußerst stringente Aufarbeitung der von konservativer Lobbyarbeit durchtränktenUS-Amerikanischen Politik in Evidence (R.: Lee Anne Schmitt, 2025). Auch der sehr witzige Animationsfilm Lesbian Space Princess (R.: Emma Hugh Hobbs, Leela Varghese, 2025) und die so lebensnahe Darstellung von Freund*innenschaft in Fwends (R.: Sophie Somerville, 2025) haben eine nachhaltige Wirkung auf mich gehabt.
Ich habe mich beim Schreiben selbst dabei erwischt mein anfangs beschriebenes Übelkeitsgefühl zu vergessen. Der dunkle Kinosaal nimmt wohl eine ähnlich Rolle ein wie die geschlossenen Lider im Reisebus. Das Verlassen des Sitzes wirkt wie diese ominöse Bergkurve: Kopfhörer rein, Podcast an, Nachrichten im Öffi-TV, Politische Memes im Insta Feed. Und dann fällt der letzte Tag der Berlinale auch noch auf den Wahlsonntag der deutschen Bundestagswahl. Was bei mir vom Festival also vor allem hängen bleibt? Die scheinbar unlösbaren Verstrickungen des Spektakulären in einer hypermedialen Zeit, die in Flammen aufgeht.
Wie gesagt. Die Übelkeit nimmt kein Ende.