Jan Schüssler
Ein bisschen ärgere ich mich darüber, wie wenig ich nach meinen 9 Tagen in Berlin von der Stadt selbst sehen konnte. Das kulturelle Zentrum Deutschlands wurde für mich zu einer Kulisse ausgiebiger S-Bahn-Fahrten zwischen Kinos. Gleichzeitig bereue ich meine Entscheidung nicht, mich voll und ganz auf das Filmprogramm konzentriert zu haben, denn so hatte ich die Möglichkeit, ganze 30 Streifen zu sehen. Statt an dieser Stelle jedoch jedem einzelnen davon zwei bis drei lapidare Sätze zu widmen, möchte ich von meiner radikal positivsten und radikal negativsten Erfahrung berichten.
Der Film, auf welchen ich mich im Vorhinein am meisten gefreut hatte, war der Sci-Fi-Streifen Mickey 17 (2025). Der südkoreanische Regisseur Bong Joon-Ho hat in der Vergangenheit mit Filmen wie Snowpiercer (2013), The Host (2006) und Parasite (2019) sein Talent für gute Geschichten und einen sensiblen Umgang mit brisanten soziopolitischen Situationen bewiesen. Was sollte also bei seinem neuen Film mit Edward Ashtons packendem Roman Mickey7 als Quellenmaterial noch schiefgehen?
Mein Frust im Kino hat schon bei einer Reihe Plotholes begonnen, welche sich durch das gesamte Narrativ erstrecken. Kleinere Logikfehler zerstören keinen ganzen Film. Vor allem, wenn die Priorität bei der Aufrechterhaltung politischer Metaphern besteht. Leider ist Mickey 17 in seinem politischen Anliegen extrem plump ausgefallen. Im Vergleich zu Bong Joon-Hos vorherigen Filmen werden hier erstmals einzelne Individuen für ein kaputtes System alleine verantwortlich gemacht. Die Bezüge zu Donald Trump und Elon Musk sind eindeutig, doch leider wird der Film den furchtbaren Ausmaßen unserer Realität dabei nicht gerecht. Dazu biedert sich Mickey 17 gleichzeitig einigen Hollywood-Konventionen an, die in mir starkes Unbehagen ausgelöst haben. Alle Charaktere außer Protagonist Mickey sind stets perfekt geschminkt und frisiert. Nur den Antagonisten, Kenneth Marshall und seiner Frau, ist es nicht vergönnt, den Instagram-Schönheitsidealen zu entsprechen. Das Finale begegnet uns mit einem Happy End, welches gewaltsam alle Fragestellungen und möglichen Dialoge beendet.
Gegen Ende des Festivals hatte ich mich dazu entschieden, einen Blick in das Kurzfilmprogramm zu werfen. Der 31-minütige Animationsfilm Comment ça va? (2025) von Caroline Poggi und Jonathan Vinel hatte mich im ersten Moment abgeschreckt. Wir folgeneiner Gruppe animierter Tiere, welche, abgelegen vom Rest der Welt, einen Alltag auf einer fernen Insel fristen. Die Ästhetik ist befremdlich. In den realen Landschaftsaufnahmen einer Küste heben sich die 3D-Kreaturen wie Fremdkörper hervor. Dabei folgen ihre dreidimensionalen Modelle keinem konsequenten Stil. Das Nilpferd bewegt sich wie ein
Mensch auf zwei Beinen, während die Kuh auf allen Vieren geht. Der Wolf besitzt ein gerendertes Pelzkleid, während der Elefant mit einer platten Textur auskommen muss. Der Pinguin ist in seinen Proportionen wie aus der Natur gegriffen, während ein blauer Affe mit Ohrring kaum als reales Tier wiederzuerkennen wäre. Die eine Hälfte von ihnen trägt Kleidung und die andere ist nackt. Es wirkt, als hätte man sich auf einer Internetseite für
kostenlose 3D-Modelle wild bedient, ohne dabei einen Gedanken an Einheitlichkeit oder Qualität zu verschwenden. Dass es sich dabei um ein bewusstes Stilmittel handeln könnte, wurde mir erst ab der Hälfte des Films bewusst. Comment ça va? ist ein Dialogfilm, welcher eine Gruppe von Ausgestoßenen porträtiert. Was alle Tiere verbindet, ist ihre Unangepasstheit gegenüber der Gesellschaft. Während eine Pinguindame von ihrer unerklärlichen Mordlust auf ihren Nachbarn in Paris erzählt, beschreibt ein kleiner Löwe seine bipolare Natur und die positiven Aspekte von Einsamkeit. Die Kreaturen sprechen über ihre innigsten Wünsche, tiefsten Ängste und aktuelle Politik, während sie gemeinsam kochen, tanzen oder einfach nur zusammen durch die Natur schlendern. Sie sehnen sich nach blutigen Revolutionen, intellektuellen Herausforderungen oder nach einer Möglichkeit, vom Erdboden verschluckt zu werden. Im einen Moment versuchen sie, einander zu töten, nur um sich wenig später wieder liebevoll umeinander zu kümmern.
Ganz im Sinne von Ivan Illich handelt Comment ça va? im Grunde von Konvivialität. Durch ihren Weltschmerz verbunden, sagen sich die Wesen auf der Insel von allen Formen der Logik industrieller Produktivität los. Obwohl sie moderne Technologie einsetzen, verabschieden sie sich von materiellen und technischen Werten. An deren Stelle treten realisierte Werte und Ethik. Auch wenn Comment ça va? visuell befremdlich ist, handelt es sich bei diesem kleinen Streifen um das schönste Portrait einer Gemeinschaft verlorener Seelen, das auf der Berlinale gezeigt wurde.