Yannick Wermann

Kaum setzte ich bei meiner Ankunft am Berliner Hauptbahnhof am Abend vor dem Eröffnungstag der Berlinale einen Fuß aus dem Zug, da fielen auch schon die ersten Schneeflocken. Dieser pausenlose Schneefall hielt ungefähr für die ersten vier Tage und bescherte mir ein weißes, winterliches Berlin. Es hatte etwas Charmantes an sich. Zudem war es für mich das erste starke Schneewetter des diesjährigen Winters, bei dem der Schnee in großen Mengen liegen blieb und man gefühlt an jeder Ecke an einem Schneemann oder einer Schneefrau vorbeikam.
Was gibt es da Besseres, als quer durch Berlin durch den Schnee zu stapfen, um sich in heimeligen Kinos der Berlinale in kuschlige Kinosessel fallen zu lassen und von den Festivalfilmen von innen heraus auftauen zu lassen?
Soweit erst einmal die romantische Vorstellung eines Winter Wonderland Filmfestivals. Doch andere Vorzeichen und Begleitumstände, unter denen die Berlinale stand, ließen sich vielmehr mit der fröstelnden Eiseskälte dieses Wetters und dem hartnäckigen Glatteis auf den Gehsteigen in Verbindung bringen. Entscheidende politische Entwicklungen fielen in den Zeitraum der Berlinale. Immerhin ging mit Beginn des Filmfestivals die deutsche Bundestagswahl in ihre heiße Phase. Es folgte ein TV-Duell auf das andere, alle waren sie jedoch von einem leidigen Thema dominiert: Migration und damit verbunden Abschiebung. Die Verschiebung der politischen Debatte in Deutschland machte einen Rechtsruck deutlich und normalisierte das Vorgehen populistischer Akteur*innen. In erster Linie wurden lediglich Ängste geschürt, die der Rechtspopulismus dankbar bediente. Damit jedoch nicht genug, begann auch noch die transatlantische Nachkriegsordnung des globalen Westens sich langsam aufzulösen. Am zweiten Tag der Berlinale blieb vor allem der Auftritt von US-Vizepräsident J. D. Vance bei der Münchner Sicherheitskonferenz im Gedächtnis und läutete die Abwendung der USA von Europa ein.
Die nationale und weltpolitische Lage bestimmte den medialen sowie sozialen Diskurs, war damit allgegenwärtig und prägte entscheidend meine Stimmung während des Festivals. Dementsprechend wurde vor diesem Hintergrund auch meine Rezeptionserfahrung bei den Filmsichtungen beeinflusst und es ist bezeichnend, dassdiese politische Rahmung einen derartig großen Raum bei meinem Erfahrungsbericht einnimmt. Dennoch soll es im Folgenden auch noch um Filme und die Berlinale gehen.

Thematisch versprach der diesjährige Eröffnungsfilm Das Licht von Tom Tykwer in die gleiche Kerbe wie der vorherrschende gesellschaftliche Diskurs zu schlagen und meinen Gemütszustand einzufangen. Schließlich handelt der Film von dem Zerfall einer Berliner Familie der Mittelschicht und versucht dies mit der Flüchtlingsthematik sowie mit Kolonialkritik zu vereinen.
So wichtig und aktuell das Anliegen des Films auch scheint, so verhebt sich Das Licht daran doch völlig. In 162 Minuten Laufzeit werden zu viele Fässer aufgemacht und diese lediglich an der Oberfläche gekratzt. Letztendlich zerfasert alles in tonalen Unstimmigkeiten durch die wilde Inszenierung und den fehlenden narrativen Fokus.
Sehenswerter war da der Wettbewerbsfilm Yunan von Ameer Fakher Eldin, dessen Hauptfigur Munir ein syrischer Emigrant ist und sich auf eine Odyssee auf eine Hallig in der Nordsee begibt. Bedächtig und melancholisch inszeniert der Film Munirs Suche nach seinem Lebenswillen in einer Fremde, die zu seinem neuen Lebensmittelpunkt geworden ist. Dabei entsteht völlig unverhofft eine Freundschaft zwischen ihm und der älteren Wirtin des Gasthauses, die nicht nur bei Munir, sondern auch bei den Zuschauer*innen Hoffnung aufkeimen lässt.
Ähnlich wie Das Licht behandelte interessanterweise ein weiterer deutscher Film den Zerfall einer Familie aus der Mittelschicht. Was Marielle weiß von Frédéric Hambalek ist eine gelungene bitterböse Komödie über Elternschaft und offenbart dabei eine Familienkonstruktion bestehend aus Lügen, Doppelmoral sowie Fragen nach Verantwortlichkeiten. Dabei scheut sich der Film auch nicht davor, an moralische Grenzen zu gehen, wodurch mir das Lachen an manchen Stellen auch mal im Hals stecken geblieben ist.
Wem die Darstellung der elterlichen und familiären Abgründe noch nicht genügt hatte, dem*r dürfte If I Had Legs, I’d Kick You von Mary Bronstein den Rest gegeben haben. Das Filmdrama mit Horror-Elementen behandelt vordergründig das Thema Mutterschaft, in dem die Protagonistin in der Rolle einer Mutter eine wahre Tour de Force abliefert. Dabei erreicht der Film durch seine hektischen Dialoge sowie den wiederkehrenden Close-Ups auf das Gesicht der Protagonistin ein ähnliches Stresslevel wie Uncut Gems. Aus diesemGrund blieb dies auch der einzige Film des Festivals, der mich nervlich dermaßen aufgerieben hat, dass ich für zwei Minuten den Kinosaal verlassen musste, um eine Pause zu machen. Dies rechne ich ihm durchaus positiv an.

Am meisten Vorfreude hatte ich auf den neuen Film von Bong Joon-ho Mickey 17. Als Leser der Buchvorlage und bekennender Fan des koreanischen Kinos waren meine Erwartungen groß.
Mit seiner Trump-Persiflage und der Satire über Totalitarismus kommt der Film zum denkbar besten Zeitpunkt – zudem ist Bong durch seine Filme prädestiniert für eine geballte Ladung Gesellschafts- und Kapitalismuskritik. Je höher die Erwartung, desto größer jedoch die potenzielle Enttäuschung. Schließlich avancierte der Film leider auch zu meiner größten Enttäuschung dieser Berlinale, auch wenn meine Kritik sich auf einem hohen Niveau bewegt. Mickey 17 war für meinen Geschmack leider zu plakativ und wenig subtil. Der Film reiht sich bei Bongs anderen amerikanischen Produktionen, Okja und Snowpiercer, ein, und lässt den unterschwelligen Biss der systemkritischen Memories of Murder, Mother und Parasite vermissen.
Abschließen möchte ich mit meinem persönlichen Filmhighlight, das sich an den letzten Festivaltagen noch ergeben hat. Yalla Parkour von Areeb Zuaiter ist ein Dokumentarfilm über eine Gruppe junger Männer, die in Gaza unter anderem über Bombenruinen Parkour laufen und von der Regisseurin über 10 Jahre hinweg begleitet wurden. Darin wird eindrucksvoll wie auch gefühlvoll die Leidenschaft der Gruppe für Parkour eingefangen, und deren Perspektivlosigkeit sowie Hürden in dem abgeriegelten Gebiet behandelt. Es war die einzige Filmpremiere, bei der ich anwesend war; dementsprechend folgte auf die Filmvorführung ein Q&A mit der Regisseurin, dem Produzenten und drei Protagonisten des Films, die ihren Weg aus Gaza herausgeschafft hatten.

Im Großen und Ganzen war die Berlinale für mich ein gelungenes Filmfestival, das während einer weltpolitischen Zeitenwende stattgefunden hat. Dadurch war es zwar nicht ganz das erhoffte Winter Wonderland, wofür es nun mal selbst nichts kann. Doch umso mehr wird mir diese Zeit im Gedächtnis bleiben, denn es war die Berlinale der außergewöhnlichen Umstände. Darüber hinaus habe ich 17 Filme in 7 verschiedenen Kinos verteilt gesehen. Vom beengenden Saal des Stage Bluemax Theaters, von den Klappstühlen der Uber Eats Music Hall, zu den gepolsterten Premium-Sitzen mitausfahrbaren Fußstützen des Cinemaxx und des Zoo Palasts: Auch hier gab es weitreichenden Einfluss darauf, wie die Filme letztlich von mir wahrgenommen wurden.