Mode demokratisieren! Wie ein Marketingunternehmen mit archaischen Darstellungen bricht

von Franziska Klein

Haben Sie sich eigentlich schon einmal angeschaut, was die Modewelt so für Rollstuhlnutzer_innen zu bieten hat? Nicht gerade viel. Eine einfache Googlesuche birgt enttäuschende Ergebnisse. Auf der Browserseite sieht man Menschen in schlafsackähnlichen Capes. [Abb. 1] Die Inszenierung ähnelt der eines Stockfotos: neutrales Licht, breit grinsende Gesichter und ein weißer Hintergrund. Solche Darstellungsformen sind nicht nur eintönig, sie sind vor allen Dingen entmenschlichend. Individualisierung scheint kein wichtiger Faktor zu sein, stattdessen wird auf klinische Uniformiertheit gesetzt. Die Betonung liegt zunächst einmal auf der Funktionalität der Kleidung. Sicher, ein erleichtertes Anziehen ist essenziell, aber das Gesicht scheint dabei so unwichtig, dass sich noch nicht einmal Mühe im Bezug auf diverse Erscheinungsbilder gegeben wurde.

Abb. 1. „Rollstuhlponchos“. www.pflegemode.de

Die Models sind fast ausschließlich ältere, weiße Personen. Das könnte zu der Annahme führen, dass wir alle einen Körper haben, der im Zuge des Verschleißes, der sich Leben nennt, nun einmal immer mehr „behindert“ wird. Im Rollstuhl sitzen – eine Alterskrankheit sozusagen. 

Es gibt immer nur ein begrenztes Angebot an Kleidungsstücken, die in Vertrieben erworben werden müssen, die sich ausschließlich auf Rollstuhlmode spezialisiert haben. Jedes Sims, aus dem gleichnamigen Computerspiel, hat eine größere Auswahl an Kleidungsstücken zur Verfügung. Kleidung als Lifestyleprodukt wird damit schier unmöglich gemacht, da immer nur die „Besonderheit“ betont wird. „Besondere Kleidung. Besondere Herstellung. Besondere Bedürfnisse“ wirbt ein Hersteller. Rollstuhlnutzer_innen werden so lediglich auf ihre Impairments reduziert. 

Genau an diesem Punkt setzt das Marketingunternehmen  Mob.Industries ein. Das sind Josefine Thom und Johann Gsöllpointner, Thom studierte Gender Studies und Soziale Arbeit und Gsöllpointner studierte BWL. Gemeinsam gründen sie im Februar 2019 MOB, ein Marketingbüro, dass es sich zur Aufgabe gemacht hat die praktische Funktionalität der Rollstuhlmode beizubehalten, aber auch endlich dem modischen Anspruch der Nutzer_innen gerecht zu werden. „We put the fun in the function.“ betiteln sie ihre Kickstarter Kampagne. MOB arbeitet gemeinsam mit Rollstuhlnutzer_innen die funktionalen Ansprüche heraus, über Material, Schnitte und Verschlusstechniken, welche dann schlussendlich mit drei jungen Wiener Labels (Gon, Ferrari Zöchling und Moto Djali) modisch realisiert worden sind. 

MOB steht für Mode ohne Barrieren. Barrierefreiheit heißt ins Englische übersetzt „accessibility“, wird meist technisch konnotiert verwendet und bedeutet soviel wie, dass Menschen mit Behinderung_en  ohne zusätzliche Hilfe an der Umwelt teilhaben können. Was ihnen aber bis jetzt zum großen Teil verwehrt blieb, ist die aktive Mitgestaltung dieser Umwelt, also auch über die Produktionsmittel zu verfügen („access to production“[1]), was erlauben würde mit ideologischen Vorurteilen von Disabilities zu brechen und eigene Narrative zu entwickeln. Rosemarie Garland-Thomson schrieb dazu:

„The way we imagine disability through images and narratives determines the shape of the material world, the distribution of resources, our relationships with one another, and our sense of ourselves.“[2]

Man könnte auch mit dem zugegebenermaßen abgedroschenen Sprichwort „Kleider machen Leute“ von Gottfried Keller argumentieren um zu zeigen, dass es ein fundamentales Problem mit der Repräsentation von Rollstuhlnutzer_innen in der Modewelt gibt. 

In den USA haben bereits ASOS und Target „disabled friendly“ Kleidung herausgebracht, die auch von Rollstuhlnutzer_innen benutzt werden kann, doch wirklich herausgestochen sind Tommy Hilfiger mit ihrer adaptive-fashion Kollektion. Die „normale“ Kollektion wurde zusätzlich als jeweils anpassungsfähiges Modell herausgegeben. Damit wurde ein großer Schritt weg von der medizinischen Pflegemode gemacht, die Rollstuhlnutzer_innen als isolierte Personengruppen uniformierte. Stattdessen konnten Rohlstuhlnutzer_innen das gleiche anziehen wie ihre Freund_innen und Arbeitskolleg_innen.

MOB Industries gehen noch einen Schritt weiter, denn bei ihnen sind die Rollstuhlnutzer_innen die Norm, deswegen heißt die zentrale Produktkategorie auch Standard. Natürlich gibt es jedes Kleidungsstück auch für die „Companions“ in adaptierter Form. Das Modelabel Gon hat Kleidungsstücke entwickelt, die für Standards und Companions gleichermaßen geeignet sind. Diese Produktkategorie nennen sie All inclusive. 

Den Begriff „Companion“ haben sie sich von Donna Haraway geliehen. In ihrem „Companion Species Manifesto“ umschreibt sie in technowissenschaftlicher Manier die Interdependenzen zwischen Mensch und dem allzeitbeliebten Haustier Hund. Diese Metapher soll für MOB selbstverständlich nicht wörtlich genommen werden, es geht Haraway vielmehr um eine Definition von einem Miteinander, das nicht mehr auf einem Nutztierverhältnis aufbaut, sondern in dem trotz Differenzen, ein gemeinsames Identifikationsfeld vorliege. Mit „Companion“ unterlaufen sie die Konnotation der Bezeichnung „Begleitperson“ als pflegende Hilfskraft, bei der immer von einem einseitigen Abhängigkeitsverhältnis ausgegangen wird.

Im Leitbild ihres Unternehmens sagen sie „MOB hat eine Mission: Die Demokratisierung von Mode.“ und das soll sich nicht nur in der Zirkulation von sorgsam inszeniertem Bildmaterial zeigen, sondern man scheut sich nicht davor ein philosophisches Theorem so aufzuarbeiten, dass es auch eingängig zu Marketingzwecken verwendet werden kann. Wieso eigentlich nicht? Sprache hat auch immer ein strukturierendes hierarchisierendes Moment und durch die Verwendung von „Companion“ werden die üblichen Produktkategorien in Frage gestellt.

Ein genauerer Blick in das Lookbook von Mob Industries soll zeigen, welche Strategien zur Demokratisierung von Mode auf der Bildebene genutzt werden. MOB ist es ein großes Anliegen, dass kein Disability Drag betrieben wird. Das heißt, es werden nicht fälschlicherweise Models in den Rollstuhl gesetzt, die eigentlich gar keine Impairments haben. Im Zuge meiner Recherche ist es mir sehr häufig unterlaufen, dass auf den Webseiten der Rollstuhlkleidungsunternehmen die Person im ersten Foto noch im Rollstuhl sitzt und in den darauffolgenden steht die selbe Person plötzlich auf den Beinen, oder sie wird in einer lässigen Schrittbewegung fotografiert, um den Stoff der Kleidung anders fallend fotografieren zu können. Natürlich gibt es auch Rollstuhlnutzer_innen, die sich abstützen oder für eine kürzere Zeit stehen können, aber ganz häufig werden auch einfach abled-bodied Models gebucht, wobei es sich um eine fragwürdige Repräsentation handelt, denn es gibt ja genügend Rollstuhlnutzer_innen, die für diesen Job infrage kommen hätten können.

Zunächst möchte ich zwei Modefotografien vergleichen. 

Abb. 2. www.so-yes.com/
Abb. 3. https://www.mob-industries.com/

Auf den ersten Blick scheinen sich die beiden Abbildung nicht bedeutend voneinander zu unterscheiden: Wir sehen zwei jüngere Cis-Männer im Rollstuhl sitzen. Beide Fotografien wurden in einem Studio erstellt. Jedoch gibt es ein paar feine, jedoch bedeutende Unterschiede in der Bildgestaltung. Bei Abbildung 2 wurde das Hochformat gewählt und bei Abbildung 3 entspricht es dem quadratischen Mittelformat. Die Verwendung vom Mittelformat sei eine bewusste Entscheidung von MOB gewesen, da beim Hochformat oftmals viel zu viel oder gar viel zu wenig Platz zum Bildrand bestünde und dadurch wirkt die Person entweder viel kleiner, oder wie eingepfercht durch den Bildausschnitt.

Die Ausleuchtung in Abbildung 2 scheint nicht optimal getroffen zu sein, im Gesicht sind klare Schlagschatten zu erkennen, die Person wirkt dadurch etwas müde. Auch die Kleidung, wirft durch die Beleuchtung unvorteilhafte Falten. Die Bildachsen verlaufen so, dass sich das Bildzentrum genau in den Schoß der Person verschiebt. Insgesamt wirkt das Erscheinungsbild etwas gestaucht, das liegt nicht zuletzt an der Perspektive aus der die Fotografie aufgenommen wurde. Vergleicht man die Fotografie mit Abbildung 3 fällt auf, dass uns der Blick von der Person, die für MOB fotografiert wurde, viel direkter trifft. Wir befinden uns nämlich auf Augenhöhe mit der Person. Bei Abbildung 2 schaut man aus einer Perspektive, die uns von oben herabschauen lässt. Nicht zuletzt deshalb scheint der Schoß hier so prominent. Auch der Hals wirkt etwas verkürzter, da der Kopf gleich an die Schultersilhouette anschließt. Im Gegensatz dazu wirkt die Bildkomposition in Abbildung 3 viel symmetrischer. Die Person schaut mit einem „straighten“ modernen Blick in die Kamera, sie scheint viel aufrechter zu sitzen. Durch die Pose mit dem angewinkelten Bein wird mit der Symmetrie gebrochen und das Bild bekommt dadurch eine coole Lässigkeit.

Gesa Ziemer legt den Blick im „realistischen“[3] Modus nahe, der Betrachter_innen und Betrachtete auf gleiche Höhe positioniere, darin sähe sie „die wirksamste politische Kraft: Obwohl Differenz anerkannt werde, finde Identifikation statt.“[4] Dabei gehe es nicht per se um eine korrekte Abbildungspolitik, aber wenn die Fotograf_innen noch nicht einmal in der Lage sind für eine vorteilhaftere Aufnahme auf die Knie zu gehen, könne auch kein gemeinsamer Aktionsraum entstehen, indem Rollstuhlnutzer_innen nicht nur als vermeintlich schwache und verletzbare Objekte auftreten, sondern auf den „verletzbaren Blick“ des_der Betracher_in treffen. Der Blick im realistischen Modus zeichnet sich dadurch aus, dass Distanz und Differenzierungsmerkmale minimalisiert werden und stattdessen die Kontiguität gemeinsamer Erfahrungen betont werde.[5] Damit sei keine forcierende, gleichmachende Inklusionspolitik gemeint, bei der es oft nur um selbstbezügliche Normierungsprozesse geht, sondern um die Entwicklung einer gewissen Sensibilität, die den Blick schärft, der wiederum gleichzeitig verletzbar und damit affizierbar bleibt, nur dadurch können immer wieder „neue Überlegungen zu unvoreingenommen Wahrnehmungssituationen und Gleichberechtigungen in Verschiedenheit“[6] entstehen.

Durch die Verwendung einer vertrauten Ästhetik von Modefotografie mit der wir tagtäglich konfrontiert werden, wie es MOB in ihrem Lookbook tun, tendiere man zur Angleichung an die Norm und betone die Ähnlichkeit Behinderter und Nichtbehinderter, statt dass durch die Überbetonung der Funktionalität von Kleidung abgrenzende Stigmatisierungsprozesse eingeleitet werden, wie wir am Eingangsbeispiel gesehen haben. Kleidung sollte niemandem als Ausdrucksmöglichkeit vorbehalten sein. Allen sollte zumindest nicht die Möglichkeit verwehrt bleiben gerade angesagte Modetrends zu verfolgen. MOB sieht sich nicht nur als Marketingbüro, sondern auch als Möglichkeit für einen gemeinsamen Aktionsraum. Immer wieder organisieren sie Veranstaltungen, wie Pop-Up Stores bei denen es zum regen Austausch und verschiedensten Begegnungen kommt. Denn „MOB is about makin kin“. Wiederrum ein Begriff der sich von Donna Haraway geliehen wurde. „MOB’s philosophy of fashion is more than just being ‚part of a family’. It’s about developing relationships that matter.“ Rollstuhlnutzer_innen, Nicht-Rollstuhlnutzer_innen, Freunde, Bekannte, Produzent_innen oder Konsument_innen, sie alle haben den gleichen Wunsch mit Vorurteilen gegenüber Behinderung_en aufzuräumen und endlich Mode zu demokratisieren.


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[1]Vgl. Ellcessor, Elizabeth: „Kickstarting Community: Disability, Access, and Participation in My Gimpy Life“, in: Disabiltity Media Studies, Elisabeth Ellecessor/Bill Kirkpatrick (Hg.), New York: Univ. Press, 2017, S.34

[2]Garland-Thomson, Rosemarie: „Disability and Representation“, PMLA, 120/2, März 2005, S. 522-527, URL: https://www.jstor.org/stable/25486178, S. 522 [Letzter Zugriff: 10.02.2020]

[3] Vgl. Garland-Thomson, Rosemarie: „Politics of Staring: Visual Rhetorics of Disability in Popular Photography“In: Snyder, Sharon L.; Brueggermann, Brenda Jo; Garland-Thomson, Rosemarie (Hg.):Disability Studies: Enabling the Humanities. New York: MLA, 2002, S. 56 -75, hier S. 69

[4] Vgl. Ziemer, Gesa: Verletzbare Orte. Entwurf einer praktischen Ästhetik.Zürich: Diaphanes, 2008, S. 120

[5] Garland-Thomson: „Politics of Staring“, S. 69

[6] Bergermann, Ulrike. „Verletzbare Augenhöhe. Disability, Bilder und Annerkennbarkeit“, in: Andere Bilder: Zur Produktion von Behinderung in der visuellen Kultur, Beate Ochsner/Anna Grebe (Hg.), Bielefeld: Transcript, 2013, S. 292