Die Sonne kommt immer wieder

Stefan Rudigier

Am 13. Februar 2025 startete die Berlinale in ihre 75. Ausgabe unter der neuen Intendanz von Tricia Tuttle. In unterschiedlichen Sektionen liefen knapp 300 Langspiel- und Kurzfilme in elf Tagen über die Kinoleinwände in Berlin. Neben dem Hauptwettbewerb und dem internationalen Panorama bot die Berlinale ein breites Programm an, das Schwerpunkte auf verschiedenste Themen setzte. Die Sektion Berlinale Special Gala, in der Filme außerhalb des Wettbewerbs ihre Premieren feiern, wurde dieses Jahr ausgeweitet und sorgte für ein sehr großes Star-Aufgebot. So vertrat unter anderem Timothée Chalamet das Team des Bob Dylan Biopics A Complete Unknown auf der Deutschlandpremiere. Toni Collette, Robert Pattinson und Steven Yeun präsentierten gemeinsam mit Regisseur Bong Joon-ho das  satirische SciFi Mickey 17. Weitere Gäste waren Marion Cotillard (für La tour de glace, R.: Lucile Hadžihalilović, FR/DE: 2025), Benedict Cumberbatch (für The Thing With Feathers, R.: Dylan Southern, UK: 2025) und allen voran Tilda Swinton, die den Ehrenbär für ihr Lebenswerk erhielt. Sieben ganze Tage hatte ich Zeit, die Berlinale, das Rahmenprogramm und die Stadt zu erkunden. Nachfolgend teile ich einige Impressionen meines Aufenthalts.

Am Vorabend der Eröffnung kam ich gemeinsam mit Studienkollegin Adel Ermak am Potsdamer Platz, dem Epizentrum des Geschehens, an, um unsere Akkreditierungen abzuholen. Auf dem gesamten Bereich von der U-Bahn bis zum Theater am Potsdamer Platz, das für diese Tage in den Berlinale Palast verwandelt worden war, lag eine gewisse Aufregung und Unruhe durch die finalen Aufbauarbeiten in der Luft.

Die Vorfreude stieg stark an, denn auf dem noch leeren und zugänglichen Bereich des roten Teppichs werden in weniger als 24h massenhaft Fans, Paparazzi & die großen Stars eintreffen. Wir waren nun vor Ort, bald mitten im Geschehen. Am nächsten Morgen machten wir uns auf den Weg zu einer Pressevorstellung des Eröffnungsfilms Das Licht (R.: Tom Tykwer, DE: 2025). Die erste Lektion sollten wir hier gleich lernen: Nach einer S-Bahn Störung kamen wir über Umweg zwölf Minuten zu spät an und durften nicht mehr in den Kinosaal. Kein Problem an sich: Offiziell dürfen pro Person zweimal eine Buchung verfallen (wir erfuhren, dass es inoffiziell auch öfters passieren kann, solange es nicht zu einem bemerkenswerten Muster wird). Ebenso wurde auf der Website angegeben, dass bis zu einer Stunde vor Vorstellungsbeginn unbedingt ein Ticket stornieren werden müsse, inoffiziell ging das aber bis zum Vorstellungsbeginn. Mit dieser neuen Erkenntnis sind wir dann oftmals spontan, in ursprünglich ausgebuchte Screenings gegangen, bei welchen kurz zuvor durch Stornierungen ein geringes Kontingent wieder zur Verfügung stand. Dadurch ergatterten wir für den Eröffnungsabend jeweils ein Ticket, um die Live-Übertragung der Eröffnung vom roten Teppich bzw. aus dem Berlinale Palast mit anschließendem Screening des Eröffnungsfilms in der Uber Eats Music Hall zu sehen.

Das Besondere an dem ersten Tag der Berlinale war der sehr starke Schneefall, welcher von den Berliner:innen als sehr untypisch und für eine Seltenheit in der Stadt erklärt wurde. Der Schneefall verstärkte die außeralltägliche Erfahrung unseres kurzen Besuchs beim roten Teppich, als die ersten Filmschaffenden, primär der deutschen Riege, erschienen. Kein Nacheinlass galt in der Praxis meist nur für Pressescreenings, wie wir an der Uber Eats Hall am Abend festgestellt hatten. Über 20 Minuten nach Filmbeginn wurden weiterhin Gruppen an Personen in den Saal eingelassen. Der Eröffnungsfilm mit Lars Eidinger, Das Licht, sticht zwar mit gelungenen visuellen Spielereien hervor und kreiert so manche stark beengenden Momente, die leider zu häufig von außerordentlich unangebrachten und übertriebenen Elementen unterbrochen und gestört werden. Um die Fülle an etlichen zerstückelten Ideen fein auszuarbeiten, genügen nicht einmal die mit 162 Minuten viel zu lange Laufzeit.

Die nächsten Tage ging ich jeweils in mehrere Screenings von 10 Uhr vormittags bis teils spät in die Nacht hinein. In der ganzen Stadt tummelten sich Personen mit dem Akkreditierungs-Badge um den Hals herum. Auf dem Festival begegnete ich einige bekannte Gesichter aus Wien, von (teils ehemaligen) Studienkolleg:innen, über den Leiter des Gartenbaukinos bis zur Direktorin der Viennale. Wesentlich war bewusst Zeit für Pausen zwischen den Filmen einzuplanen, um einerseits das Erlebte zu verarbeiten und andererseits auch Abwechslung in den Tagesablauf einzubringen.

Ich nutzte die Gelegenheit der Pause und den langen Weg zum nächsten Kino auf einer anderen Seite der Stadt oftmals für Sightseeing und weitere kulturelle Programmpunkte. Besuche im Jüdisches Museum Berlin, beim Dokumentationszentrum – Topographie des Terrors, bei der Gedenkstätte der Berliner Mauer an der Bernauer Straße oder etwa auch im Humboldt Forum im Berliner Schloss, das in den 2010er Jahren im Mix aus barocker Fassade und modernem Interieur neu errichtet wurde, erwiesen sich als sehr zeitaufwendig. Folgenreich musste die ein oder andere Buchung für eine Vorstellung storniert werden.

Gerade in dieser Flexibilität liegt die aufregende Qualität, die ein Besuch auf der Berlinale und der Stadt zu einem besonderen Erlebnis machen. Denn ein Ticket für einen willkürlichen Film spontan zu buchen, kann für große Überraschung sorgen – im positiven oder negativen Sinne. Die zerreißende Geschichte des belgischen Gerichtsdramas On vous croit („We Believe You“, R.: Arnaud Dufeys / Charlotte Devillers, 2025), welches ich durch Zufall sah, ließ mich sprachlos zurück. Die langanhaltenden Großaufnahmen einer Mutter und ihrer beiden Kinder, die alle wiederholt vor Gericht gegen ihren Vater aussagen müssen, und dadurch gezwungenermaßen erneut ihre Traumata durchleben, lässt kaum Platz zum Atmen und Nachdenken. Der passive Terror, der in den Gesichtern der Figuren hineingeschrieben war, begleitete mich noch lange nach der Filmvorstellung.

Zwei weitere Filmhighlights, die mich primär sehr unterhalten haben und mir nachhaltig in Erinnerung geblieben sind, waren After This Death (R.: Lucio Castro, USA: 2025) und Mickey 17 (R.: Bong Joon-ho, USA: 2025). Erster Film entpuppte sich nach einem unterhaltsamen Beginn als ein thriller-esques Mysterium, das sich mit dem Phänomen von obsessiven Fans in der Musikindustrie auseinandersetzt. Bong Joon-ho liefert hingegen mit seinem wieder an Hollywood gebundenen, neuen Film einen satirischen Kommentar auf die aktuellen weltpolitischen Geschehnisse. Das SciFi wird allemal das Publikum spalten, überzeugt dennoch mit brillierenden Darsteller:innen (Naomi Ackie und Robert Pattinson), einem überspitzten Humor und gelungenen visuellen Effekte. Die Farce ist absurd nahe an der gegenwärtigen Realität, sodass hinterfragt werden kann, inwieweit dies noch als satirisches Abbild gelesen werden kann. In dieser Pressevorstellung im Berlinale Palast erlebte ich das einzige Mal auf der gesamten Berlinale einen Szenenapplaus. Im Anschluss an das Screening, als ich auf dem Vorplatz wieder ankam, gab es einen großen Trubel mit etlichen schreienden Fans beim anliegenden Gebäude. Regisseur Bong Joon-ho und (fast) die gesamte Besetzung von Mickey 17 waren gerade zur Pressekonferenz angekommen und gaben noch teils Autogramme. Es war durchaus ein surrealer Eindruck: Vom Abspann eines lang ersehnten Films hinaus in die reale Welt zu schreiten und unmittelbar darauf die Stars, die gerade noch auf der Leinwand zu sehen waren, „in the flesh“ zu erblicken.

Beim Schreiben dieses Berichts sind mir auch fast die Lowlights in Vergessenheit geraten, denn es gab keinen Film, der absolut misslungen war. Lediglich mischten sich ein paar Enttäuschungen in das Programm ein, wie das neue Biopic von James Mangold zu Bob Dylan. A Complete Unknown (USA: 2024) brilliert an Mittelmäßigkeit. Während das großartige Set-Design die 60er und 70er Jahre wieder zum Leben erweckt, bleibt die hier erzählte Geschichte blass und oberflächlich. Die Zuseher:innen erfahren an keiner Stelle mehr über den „völlig Unbekannten“. Hinzu kommt eine außerordentlich uninspirierte Kameraarbeit, anhand welcher das Mittelmaß dieses Films gemessen werden kann. In diese Kategorie von Filmen, die interessante Ansätze zeigen, aber nicht ihr ganzes Potential entfalten, reiht sich außerdem Hot Milk (R.: Rebecca Lenkiewicz, UK: 2025) und The Thing With Feathers  (R.: Dylan Southern, UK: 2025) ein.

Nach den ersten beiden schneereichen Tagen verschwanden die Wolken über Berlin. In der zweiten Hälfte meines Besuchs schien die Sonne vor einem tiefblauen Himmel auf die Stadt. Durch eisige Minusgrade blieb aber der gefallene Schnee erhalten. Mein letztes Screening in diesem kontrastreichen Wetter war ein zweiter Besuch im Rahmen der Retrospektive. Das DDR-Musical Nicht schummeln, Liebling! (R.: Joachim Hasler, DDR: 1973) erzählt von einem männlich dominierten Fußball-Fanatismus in einem kleinen Dorf namens Sonnethal. Um die lokale Mannschaft in der Bezirksliga spielen zu lassen, greift der Bürgermeister auf jegliche Finanzmittel, die dem Dorfe zur Verfügung stehen, zurück – zum großen Nachteil der Frauen, deren Interessen dadurch vernachlässigt werden. Um Aufmerksamkeit für ihre Anliegen zu generieren, gründen sie eine eigene Frauenfußballmannschaft, die schnell größere Erfolge als die der Männer erzielt. Absurde Randhandlungen, ulkiger Humor und sehenswerte Tanzeinlagen zieren dieses Musical. Das Männer/Frauen Gefüge ist sicherlich nicht ausschließlich unproblematisch zu betrachten, dennoch wird den weiblichen Charaktären eine klare und starke Agency zugeschrieben, durch die die Handlung vorangetrieben wird. Das klare Highlight sind die Choreografien und die Lieder von Gerhard Siebholz und Frank Schöbel, die für Unterhaltung und Hoffnung sorgen.

So endete meine intensive Zeit auf der Berlinale, in der ich vieles gesehen und erlebt habe, nach mehreren Tagen Schneefall an einem sonnigen Nachmittag am Alexanderplatz – ganz im Zeichen der regnerischen Auftakts-Nummer von Nicht schummeln, Liebling!: Die Sonne kommt immer wieder.