Anja Linhart

Es war nicht meine erste Reise nach Berlin: Schon mit 17 Jahren absolvierte ich dort ein mehrmonatiges Praktikum in einem kleinen Boutique Hotel, es folgten viele weitere Kurz-Besuche. Doch es war mein erster Besuch bei den Internationalen Filmfestspielen. Im Zuge meiner studentischen Akkreditierung dufte ich in diesem Jahr die 75. Berlinale besuchen und zugleich ein ganz anderes Berlin kennenlernen — ein Berlin im Ausnahmezustand.
Rot-pink-blaue Plakate mit Berlinale Schriftzug zierten die Wände und Werbetafeln der Stadt. Überall wimmelte es nur so von Fachleuten, Prominenten und Selfie-hungrigen Fans. Egal mit welcher U-Bahn man sich fortbewegte, in welchem Café man zwischendurch entspannte, man fand stets mindestens eine Person, die sich durch ihr umgehängtes, gebrandetes Schlüsselband als Berlinale-Besucher*in offenbarte. Durch diese ständige Sichtbarmachung des Festivals wurde ich in Momenten abseits der Spielstätte nicht nur kontinuierlich an meine eigene Teilnahme erinnert, sondern fand mich selbst auch ständig in einer Art kollektivem Zustand wieder, einem Zustand der Begegnung mit Gleichgesinnten. Ich fand besonders spannend, dass eben dieser Aspekt der Begegnung retrospektiv auch zu einem tragenden Leitmotiv meiner gesamten Filmauswahl wurde. Die von mir gesichteten, insgesamt 16 Filme wurden auf narrativer Ebene (fast) alle von einem Motiv der zwischenmenschlichen Begegnung angetrieben. In ihrer Umsetzung folgten die Filme dabei sich gleichenden Mustern, sie konzentrierten sich entweder auf Elemente des Außergewöhnlichen, regelrecht Übersinnlichen oder inszenierten hingegen Momente des Innehaltens, einen Stillstand innerhalb der Handlung.
Den Anfang meiner intensiven Filmwoche machte der Eröffnungsfilm der diesjährigen Berlinale. In Das Licht porträtiert Tom Tykwer eine „typische, deutsche, dysfunktionale Familie“, die sich zwar physisch durch die sorgfältig ausgestalteten Gemeinschaftsräume ihrer Berliner Wohnung bewegt, ihr Leben aber getrenntvoneinander bestreitet. Farah, die durch einen Job als Haushälterin plötzlich Teil dieser Familie wird, bringt die zerstreute Familie in Bewegung, führt sie wieder zueinander. In einer Gruppen-Licht-Therapie werden die Charaktere zum Schluss nicht nur in einen metaphysischen Raum der Imagination überführt, sondern auch in ihrer zwischenmenschlichen Begegnung zueinander vorangetrieben.
Auch Andreas Prochaskas Welcome Home Baby begegnet diesem Thema aus einer übersinnlichen Perspektive, setzt dabei aber mehr auf Elemente des Psychothriller und Horror-Genres. Die in Berlin wohnhafte Notärztin Judith reist gemeinsam mit ihrem Mann nach Österreich, wo sie den Verkauf ihres kürzlich geerbten Hauses abwickeln möchte. Je länger sie sich in der Heimat ihrer biologischen Eltern aufhält, desto stärker treten Erinnerungen aus Judiths Vergangenheit ans Licht. Dämonische Kräfte schwächen die Beziehung zwischen der Ärztin und dem in ihrem Mutterleib heranwachsenden Baby. Am Ende kann Judith schließlich ihre Dämonen der Vergangenheit besiegen und die Zukunft ihres Kindes sichern.
Mutterschaft spielt auch in Mother’s Baby von Johanna Moder eine zentrale Rolle. Dieser war der letzte Film, den ich auf der Berlinale sehen dufte und definitiv eines meiner absoluten Highlights. Julias Geburt verläuft nicht wie geplant und ihr Baby wird sofort weggebracht. Sie und ihr Partner Georg erfahren nicht, was mit ihrem Kind passiert ist. Als sie mit dem gesunden Kind nachhause zurückkehren, spürt Julia, dass etwas nicht stimmt: Sie ist sich sicher, dass dieses Kind nicht ihres ist und beginnt der Sache auf den Grund zu gehen. Die zwischenmenschliche Dynamik von Julia und ihrem Mann gerät dabei ziemlich aus den Fugen. Mit seiner Offenbarung in der Schlusssequenz führt der Film in eine übernatürliche Wirklichkeit. Es kommt zu einer außergewöhnlichen Zusammenführung von Mutter und Kind.
Die Inszenierung des Übernatürlichen erreicht wohl mit Dylan Southerns The Thing with Feathers seinen Höhepunkt. Als seine Frau plötzlich verstirbt, verliert der Vater von zwei Söhnen nach und nach jeglichen Bezug zur Wirklichkeit. Eine menschenähnliche Krähe tyrannisiert die trauernde Familie, bringt sie dazu, sich mit ihrem Verlust intensiv auseinanderzusetzen, sich ihrer neuen Situation anzunehmen.
Das Übersinnliche nimmt in einer Vielzahl an Filmen der diesjährigen Berlinale eine zentrale Rolle ein, die Liste ließe sich ausführlich erweitern. Demgegenüber steht allerdings eine Reihe an Filmen, die sich auf das genaue Gegenteil konzentrieren und ihren Blick auf eine möglichst authentische, realgetreue Inszenierung der zwischenmenschlichen Begegnung richten.
So setzt etwa Ira Sachs Peter Hujar’s Day, welcher die tatsächlich stattgefundene Begegnung zwischen dem Fotografen Peter Hujar und der Schriftstellerin Linda Rosenkrantz nacherzählt, auf eine minimalistische, kammerspielartige Inszenierung, zeigt lange Einstellungen im Innenraum von Lindas Wohnung und verzichtet auf Einblendungen von erzählten Ereignissen.
Auch Michel Francos Dreams, eine Beziehungsstudie des mexikanischen Einwanderers Fernando und seiner älteren, amerikanischen Geliebten Jennifer, arbeitet aus einer beobachtenden Perspektive heraus. Der Film erzählt von Verlangen und Begierde, Machtverhältnissen, Migration und Klasse. Franco demonstriert dabei eine durchwegs nüchterne Inszenierung, er bringt unaufgeregte Bilder auf die Leinwand, die sich kein Urteil über ihren Inhalt bilden. Die Schwere der Themen steht in einem ständigen Kontrast zu den wunderschönen Bildern in Stillstand. Diese Beschreibung des Stillstands der Kamera, verbunden mit der Einnahme einer Perspektive des Beobachtens, die durchaus Anleihe am Slow- Cinema nimmt, lässt sich eins zu eins auch für Rebecca Lenkiewiczs Hot Milk, Richard Linklaters Blue Moon, Amber Fakher Eldins Yunan und Joel Alfonso Vargas Mad Bills to Pay (or Destiny, dile que no soy malo) übernehmen, die ebenfalls das Zwischenmenschliche in ihr Zentrum stellen.

Nach insgesamt 1647 Filmminuten kam die Berlinale für mich schließlich zu einem Ende. Nach über einer Woche in den Innenräumen unterschiedlicher Spielstätten war mein Hunger nach Film erst einmal gestillt. Ich nehme von meiner ersten Erfahrung bei den internationalen Filmfestspielen extrem viel mit und bin unglaublich dankbar für diese intensive und vielseitige Erfahrung.