Von Anna Tretyakova
7 Tage, mehr als 20 Filme: Das war meine erste, die 75. Berlinale. Als die Stadt im Schnee versank, bin ich zwischen den Kinos des Festivals hin- und hergelaufen, vom Potsdamer Platz zum Alexanderplatz, vom Zoo Palast zum Arsenal, von der East Side Gallery wieder zurück zum Berlinale Palast.
Viele haben mich schon gefragt, wie man es schafft, so viele Filme in so kurzer Zeit zu sehen, ohne dass sich im Kopf alles vermischt. Aber jeder Film war für mich ein einzigartiges Erlebnis, jeder hat einen einzigartigen Eindruck gemacht, auch wenn ich vier pro Tag gesehen habe. Obwohl das spezielle Filmtagebuch, das ich mitgenommen habe, natürlich auch geholfen hat. Jeden Morgen habe ich fleißig die Eindrücke des vorherigen Tags aufgeschrieben (und scherzhafte Letterboxd Reviews gepostet), in Cafés, die von Kritiker*innen, Journalist*innen und Filmemacher*innen nur so wimmelten.
Überall waren Leute, die meine Leidenschaft für Filme teilten. Ich war in meinem Element. Der beste Anlass für Networking und Gespräche bei der Berlinale waren aber die Berliner Busse, die von Monitoren verschwanden, ohne je bei der Haltestelle angekommen zu sein. Das hat die Leute am meisten zusammengebracht: Erfahrene Festivalbesucher*innen teilten ihre Weisheit über die Berliner Öffis.
Vor meiner Reise nach Berlin habe ich das Programm gelesen und mir Filme gemerkt, die ich unbedingt sehen wollte. Ich hatte vor, mir Filme aus allen Sektionen anzuschauen, aber am meisten haben mich Werke von Frauen, queeren und POC-Personen interessiert, und kleinere Filme, die noch kein Datum für einen Kinostart hatten. Aber das Berlinale Ticketsystem hat seine eigenen Anpassungen vorgenommen. Manchmal habe ich Filme nur gesehen, weil es noch Tickets (die schnell um 7:30 in der Früh reserviert werden mussten, bevor die Vorstellungen ausverkauft waren) für sie gab. Aber das hat auch zu guten „Zufällen“ geführt. In jeder Sektion habe ich meine Favoriten, die ich herzlich empfehle.
Wettbewerb
Interessanterweise war die Sektion Wettbewerb für mich gar nicht die beeindruckendste. Leider habe ich den Gewinner des Goldenen Bären, Drømmer (Dreams), nicht gesehen, und Rebecca Lenkiewiczs mit Spannung erwartete Hot Milk hat mich nicht bewegt. Trotzdem habe ich mir wichtige Werke in dieser Sektion angeschaut, die von der Berlinale Jury auch belohnt wurden.
Rose Byrne wurde bei der Berlinale als beste Darstellerin ausgezeichnet und ihre schauspielerische Leistung in Mary Bronsteins If I Had Legs I’d Kick You war wirklich hervorragend. Der Film zeigt eine überforderte Mutter, die sich nicht nur um ihre Tochter kümmert, sondern auch um ihre Patient*innen. Als die Decke in ihrer Wohnung plötzlich durchbricht , beginnt auch ihr Zusammenbruch. Durch Nahaufnahmen lässt Bronstein die Zuschauer*innen in den Zustand ihrer Hauptfigur eintauchen und lässt sie genauso erschöpft zurück. Und Rose Byrne vermittelte einfühlsam die Stimmung einer Frau, die sich in ihrer Situation ganz alleingelassen fühlt.
La Tour de Glace (The Ice Tower) von Lucile Hadžihalilović hat meiner Meinung nach zu Recht den Silbernen Bären für „eine herausragende künstlerische Leistung” gewonnen. Der Film schafft eine kalte Atmosphäre, in der sich eine unheimliche Beziehung zwischen einer Schauspielerin (Marion Cottilard) und einem Mädchen entwickelt. Wie die Schneekönigin, die sie spielt, beherrscht die Frau das sie bewundernde Mädchen. Die Handlung spielt in den 70er-Jahren, und Lucile Hadžihalilović erschafft ein märchenhaftes Bild dieses Jahrzehnts. Der Film im Film sieht aus wie eine der Fernsehinszenierungen von Märchen aus dieser Zeit, und Marion Cotillards Figur wirkt genauso enigmatisch wie die kalte und geheimnisvolle Schneekönigin aus dem sowjetischen Zeichentrickfilm.
Perspectives
Perspectives ist die neue Sektion der Berlinale, die den Debütfilmen gewidmet ist. Daher passt es gut, dass viele der Erstlingsfilme coming-of-age Geschichten sind. Und sie haben auf mich genauso großen (eigentlich größeren) Eindruck gemacht wie die Filme aus dem Wettbewerb.
Der allererste Film meines Berlinale Programms war Kaj ti je deklica (Little Trouble Girls) von Regisseurin Urška Djukić und Drehbuchautorin Maria Bohr. Der Film spielt an einem langen Wochenende bei den Proben eines katholischen Mädchenchors und folgt einer schüchternen Protagonistin, die von reiferen Kolleginnen umgeben ist. Little Trouble Girls erforscht die Themen Sexualität, weibliche Freundschaft, Gruppenzwang und Konformität, Religion und jugendlicher Protest, Neugier und starre Grenzen, Erkundungsbedürfnis und Schuldgefühl. Was dabei besonders hervorsticht, ist die Ästhetik des Films: Nahaufnahmen der Gesichter der Mädchen mit dezenten Emotionen und schnellen Blicken sowie die Chorlieder als musikalische Begleitung, die für eine Atmosphäre, die zwischen Ehrfurcht und Beklemmung schwankt, sorgen.
Le rendez-vous de l’été (That Summer in Paris) von Regisseurin Valentine Cadic und Drehbuchautorin Mariette Désert erzählt von einer Frau, die für die Olympischen Spiele nach Paris gekommen ist, aber auch um ihre Stiefschwester und Nichte zu besuchen, zu denen sie den Kontakt verloren hat. Blandine ist eine Figur, die man nicht unbedingt als Hauptfigur sieht : Sie will niemanden belästigen, sie fordert niemanden heraus. Aber durch ihre kleinen Pariser Abenteuer und Begegnungen, versteht sie, was sie will, und lernt, für sich selbst einzustehen. Die Schauspielerin Blandine Madec verkörpert einfühlsam ihre Figur, sodass man ihr die Daumen drückt, auf ihrer Reise durch Paris zu sich selbst.
Der letzte Film der Sektion Perspectives war für mich Mad Bills to Pay (or Destiny, dile que no soy malo) von Joel Alfonso Vargas. Eine ziemlich vertraute Geschichte des Erwachsenwerdens eines Jungen wird hier durch charismatische Figuren und ausgezeichnete Schauspielerei aufgewertet. Mit auffallenden Kameraeinstellungen und Farbwahl wird ein Porträt einer dominikanisch-amerikanischer Familie und Gemeinschaft geschaffen. Ich hatte das Gefühl, dass Fotografie als Inspiration diente, was vom Filmteam bestätigt wurde: Die Arbeiten des Fotografen Wayne Lawrence haben die Vision des Films stark beeinflusst.
Forum
Die Sektion Forum der Berlinale ist der Reflexion des filmischen Mediums und dem gesellschaftlich-künstlerischen Diskurs gewidmet, erklärten die Kurator*innen des Arsenal – Institut für Film und Videokunst. In diesem Programm habe ich auch ein paar einprägsame, abendfüllende Debüts gesehen. Dem Mikrobudgetfilm The Swan Song of Fedor Ozerov von Yuri Semashko gelingt es, mit Genres experimentierend über aktuelle politische Themen zu sprechen, und ohne auf lustige und absurde Elemente zu verzichten, ein Protestfilm zu sein. Und Sophie Somervilles Fwends ist ein reizendes Experiment mit Improvisation und mit der Entwicklung von Charakteren während eines langen Spaziergangs.
Eines der besten Events des Festivals war für mich die Vorstellung des Dokumentarfilms The Long Road to the Director’s Chair von Vibeke Løkkeberg im Rahmen des Forum Specials. Der Film besteht aus einer Reihe von Interviews mit den Organisatorinnen und Teilnehmerinnen des „Ersten Internationalen Frauenfilm-Seminar“, das 1973 in West-Berlin stattfand. Das Rohmaterial galt für fast 50 Jahre als verschollen und wurde erst 2019 wiedergefunden. Und dass die Probleme, von denen die Frauen in den 70er-Jahren erzählten, noch immer aktuell sind, war leider keine Überraschung: Von Zugang zu sicheren Abtreibungen bis hin zu Chancenungleichheit in der Film- und Fernsehindustrie — und allgemein über die Ziele und Herausforderungen der feministischen Bewegungen in verschiedenen Ländern. Besonders aufgefallen ist mir, wie selbstbewusst und offen die Teilnehmerinnen sich äußerten, aber auch wie humorvoll. Der Film ist in erster Linie ein wichtiges historisches Dokument, die Aufnahme einer Zeit , in der Veränderungen erwartet und verlangt wurden, in der Schwesternschaft immer wichtiger wurde. Umso passender, dass der Film jetzt wieder erschienen ist.
Bei der Veranstaltung im Arsenal trafen sich fast 50 Jahre später mehrere Teilnehmerinnen des Seminars wieder, um den Film zu sehen und darüber mit den Zuschauer*innen zu sprechen. Filmemacherinnen, die im Film am Anfang ihrer Karriere standen, sind jetzt wichtige Namen in der Industrie, die viel für Frauen im Film gemacht haben. Es war für mich eine Ehre, Claudia von Alemann, Helke Sander, Vibeke Løkkeberg und anderen zuzuhören, Frauen, die wieder über aktuelle Probleme sprachen, mit Leidenschaft und Humor.
Panorama
Die 70er-Jahre zogen sich wie ein roter Faden durch das Festival. Ira Sachs’ Peter Hujar’s Day basiert ebenfalls auf einem neu wiederentdeckten Interview von 1974 und präsentiert sich eher wie eine aufgezeichnete Performance als wie ein Film. Eine Hommage an theatralische Märchenfilme der 70er-Jahre ist Den stygge stesøsteren (The Ugly Stepsister), von Emilie Blichfeldt, eine spannende Mischung aus Body-Horror, Erotik und Märchenelementen. Ein Panorama-Highlight für mich war der Zeichentrickfilm Lesbian Space Princess von Emma Hough Hobbs und Leela Varghese über eine schüchterne lesbische Prinzessin, die sich auf ein Abenteuer im Weltraum begibt. Er war voller lustiger Wortspiele, Popkultur-Referenzen und herzerwärmenden Momenten. Das Publikum hat mit der Heldin mitgefiebert, alle haben viel gelacht und emotional reagiert. Der Film scheint auf den ersten Blick eine eskapistische Geschichte zu sein, aber vor dem Hintergrund des aktuellen Rechtsrucks, ist Lesbian Space Princess natürlich auch ein politischer Film, der Leute zusammenbringt und Empathie fördert. Die Vorstellung des Films, die Reden der Drehbuchautorinnen und die zwei Stunden in dieser Atmosphäre von Akzeptanz und Zusammengehörigkeit waren der beste Abschluss für meine Berlinale.