
Inhaltsverzeichnis
Comics als epistemische Praxis?
Praktisches und theoretisches Arbeiten im Seminar
Praktische Übungen: Herantasten ans Zeichnen
Praktische Übungen: Herantasten an die Form des Comics
Praktische Übungen: Annotieren
Teilleistungen: Visuelle Annotation und Abschlussarbeiten
Teilleistungen: Abschlussprojekte
„Wachsfiguren“ von Lara Bozkurt
„Karl Andreas von Bernbrunn“ von Tabea Lachner
„Den Rahmen Sprengen“ von Hannah Phoebe Maule
„Die Funktionen des Rahmens im Comic“ von Levinja Mozina
„Der Rahmen im Comic“ von Stephan Stroblmayr
„BOOM, BANG, POW! — Wenn Comics hörbar werden“ von Annely Petz
„Horrorcomics in the 50s — Featuring Zeitgeist & Graf Ick(!)“ von Jan Schüssler
„Zeitlichkeit in Comics“ von Alexandra Vlaicu
Fußnoten
Seit der Veröffentlichung von Nick Sousanis Unflattening (2015)1 — einer Dissertation in Comicform — erhielt die Idee Aufschwung, Comics nicht nur als Gegenstände geisteswissenschaftlicher Forschung zu betrachten, sondern als epistemische Praxis. Wie verändert sich geisteswissenschaftliches Arbeiten und Denken, wenn es maßgeblich von den Formen, Materialitäten und Medialitäten des Comics geprägt ist? Was bedeutet das Arbeiten in Comicform für die Sammlung von Daten, deren Analyse und für die Ergebnispräsentation? Mit diesen Fragen beschäftigte sich das Masterseminar „Comics verstehen, denken und erfahren“ (Wintersemester 2025/26). Dieser Beitrag fasst die didaktische Anlage der Lehrveranstaltung kurz zusammen, präsentiert ausgewählte Ergebnisse aus praktischen Übungen und versammelt eine Auswahl zeichnerischer Abschlussprojekte der Studierenden.
Comics als epistemische Praxis?
Die Frage, ob und wie sich nicht nur zu, sondern auch mit und in Comicform wissenschaftlich arbeiten lässt, ist auch innerhalb der Comicforschung noch recht jung. Erste Versuche einer Systematisierung dieses Feldes entstanden in den vergangenen zwei Jahren.2 Neben Sousanis Dissertation wird dabei auf Arbeiten verwiesen wie Lynda Barrys methodisch-didaktischen Einblicke in ihre Tätigkeit als Comic-Professorin, Simon Grennans experimentelle Ansätze des Adaptierens, Variierens und Kombinierens oder Beispiele aus dem Bereich Graphic Medicine.3 Dabei kristallisieren sich im Wesentlichen drei (sich durchaus überschneidende) Einsatzbereiche heraus:
- Comics(zeichnen) als Bestandteil der Datenerhebung. Gezeichnet wird etwa in anthropologischen Feldstudien, Interviewverfahren, oder aber (wie im Kontext dieses Seminars) als Eingriff in zu analysierendes Material
- Comics(zeichnen) als Ergebnispräsentation. Gezeichnet wird hier im Sinne gelungener Wissenschaftskommunikation. Komplexe Zusammenhänge oder Ideen sollen überschaubar oder besonders zugänglich präsentiert und verbreitet werden.
- Comics(zeichnen) als Forschungsmethode. Hier entsteht der Erkenntnisgewinn im Prozess des Zeichnens und Konzipierens von Comics selbst.
Praktisches und theoretisches Arbeiten im Seminar
Für die meisten der 39 Studierenden stellte diese Veranstaltung die erste Berührung mit dem Feld der Comicforschung dar. Das Comics-Lesen und das Zeichnen war für viele eine seit dem Kindesalter vernachlässigte Praxis. Die Veranstaltung ist somit notwendigerweise als dreifache Einführung angelegt: in das Medium Comics, in das Feld der Comicforschung und in ein Wiederentdecken des Zeichnens als Kreativitätstechnik. Deshalb stütz die Veranstaltung im wesentlichen auf drei Arbeitsformen:
- Das Lesen und Diskutieren von Comics und Grundlagen der Comicforschung
- Das kritische Prüfen der Methodologien (wissenschaftlicher) Comics über Comics
- Den regelmäßigen künstlerisch-praktischen Zugang zum Comic durch angeleitete Übungen
Zeichnerisches Talent oder Vorkenntnisse waren keine Teilnahmevoraussetzungen—und sind auch nur bedingt notwendig, um die Stärken von Comics als epistemische Praxis zu nutzen. Nicht ohne provokantem Unterton fragt Lynda Barry in Making Comics (2019): „how old do you have to be to make a bad drawing?“4 Sie beschreibt daraufhin Formen von Scham und Zögern, die Studierenden den Zugriff zu einem spielerischen Umgang mit Stift und Papiere erschwere; so als sei Zeichnen eine Tätigkeit, die talentierten, geübten und „echten“ Künstler*innen vorbehalten ist. Im akademischen Studien- und Arbeitsalltag sind wir es gewohnt unsere Gedanken in die linearen Strukturen gesprochener und geschriebener Sätze zu bringen. Das Schreiben und Sprechen üben wir in jeder Seminardiskussion, jedem Essay und jeder Abschlussarbeit. (Wieder) mit dem Zeichnen zu beginnen stellt im Vergleich eine große Hürde dar. Befreien wir uns von dem Anspruch aus dem Stand heraus so „gut“ zu zeichnen wie wir schreiben oder sprechen, eröffnen sich Möglichkeiten im eigenen Arbeiten anders zu sehen, zu konzipieren, zu denken und zu verstehen.
Durchaus im Sinne von und inspiriert durch Lynda Barry zielten deshalb viele der praktischen Übungen dieses Kurses darauf ab, mithilfe konstruktiver Frameworks und Regeln eigene Bestrebungen nach Perfektionismus und Virtuosität zu unterlaufen. Spielerisch sollten die Studierenden den kreativen und offenen Umgang mit dem leeren Blatt und dem analogen oder digitalen Stift erproben. Schrittweise konnten sie somit ihnen vertraute Praktiken wissenschaftlicher Denk- und Arbeitsweisen hinterfragen und die Möglichkeiten und Grenzen des wissenschaftlichen Arbeitens in Comicform ausloten.
Bereits zu Beginn der ersten Sitzung wurden die Studierenden mit einem Beispiel konfrontiert: Den Seminarplan habe ich als achtseitiges Zine gezeichnet und ausgeteilt.


Zines bringen als analoges Format einen entscheidenden Vorteil mit sich und prägen daher die Karriere vieler Comickünstler*innen: Sie sind ohne hohen finanziellen Aufwand oder technisches Know-how herzustellen und zu reproduzieren. Ein normales DIN-A4 oder DIN-A3-Blatt wird dabei mittels einfacher Falttechniken und einem einzelnen Schnitt so gefaltet, dass ein achtseitiges Heftchen daraus entsteht. Dieses kann jederzeit wieder entfaltet und mittels eines Fotokopierers vervielfältigt werden. Einige Studierende haben dieses Format im Verlauf des Kurses für eigene Zines adaptiert.
Praktische Übungen: Herantasten ans Zeichnen
Das erste Mal gezeichnet haben die Studierenden direkt zu Beginn der Veranstaltung. Die eigentlich sehr schwierige und einschüchternde Aufgabe ein Porträt ihres Gegenübers zu zeichnen, wurde durch strikte Einschränkungen kreativ verunmöglicht: Die Studierenden hatten nur eine Minute Zeit, durften nicht auf ihr Blatt schauen und auch den Stift nicht vom Blatt heben.

Die Ergebnisse sind gleichsam überraschend präzise und amüsant verzerrt. Vor allem aber sind sie trotz der strikten Einschränkungen höchst individuell; als würden sie eine erste Idee von der eigenen „Handschrift“ der Studierenden geben.
Ähnliches gilt auch für die nächste Übung.5 In dieser sollten die Studierenden wieder binnen einer Minute aus dem Gedächtnis und mit geschlossenen Augen zeichnen. Zunächst ihr Frühstück des heutigen Tages …


… und anschließend eine Giraffe. Auch diese Zeichnungen funktionieren—ganz ohne, dass der eigene kritische Blick sie im Entstehen auf „Korrektheit“ oder „Qualität“ überprüfen konnte.
Diese Zeichnungen mögen zwar keine fotorealistische Repräsentationen sein, aber sie haben einen je eigenen „Charakter“.
Ähnliches passiert bei einer Übung, die in abgewandelter Form an vielen Stellen dokumentiert wurde.6 Eine bekannte Person oder Figur soll mehrfach und unter zunehmenden Zeitdruck gezeichnet werden. Wir nutzten eines der beliebtesten Motive dieser Übung: Batman, hier gezeichnet binnen 3 Minuten, 50 Sekunden, 30 Sekunden und schließlich 5 Sekunden.





Im Anschluss folgten gegenseitige Porträts, binnen 4 Minuten, 1 Minute , 30 Sekunden, 10 Sekunden und 5 Sekunden.

Abgesehen von der eigenen Handschrift veranschaulicht diese Übung einen oft mit Comics verbundenen Mechanismus des zeichnerischen Abstrahierens (wie etwa in Cartoons, Icons oder Karikaturen).
Der Prozess der Abstraktion ist wiederum entscheidend für Comics als epistemische Praxis; etwa, wenn Comics zur Wissenschaftskommunikation genutzt werden.
Praktische Übungen: Herantasten an die Form des Comics
Ausgehend von diesen ersten Übungen, die die Scheu vor dem leeren Blatt nehmen sollten, näherten sich die Studierenden schrittweise einem Denken und Konzipieren in Comicform. Hierbei waren zwei von Nick Sousanis entwickelte Übungen besonders hilfreich.7 Sie verschieben den Fokus weg von konkreten Darstellungen und hin zu den Formen und Strukturen von Sequentialität und Simultaneität im Comic.








In der ersten dieser Übungen, „Grids & Gestures„, wählen die Studierenden einen variablen Zeitabschnitt (hier: der gestrige Tag) und skizzieren diesen auf einem DIN-A5-Blatt. Sie sollen dabei allein mit Rahmen und Formen arbeiten und das gesamte Blatt nutzen, sodass auch Leerstellen zur gestalterischen Entscheidung werden. Das Arbeiten mit Rahmen und Formen lässt die Studierenden jenseits von Abbildlichkeit oder Realismus einen zeitlichen Verlauf räumlich gestalten und ihn somit in Mustern, Gesten oder Strukturen verstehen. Einige der Studierenden haben leeren Formen anschließend mit Comicskizzen zu füllen.
Das Arbeiten mit Formen und Rahmen ist ein wesentlicher Bestandteil der zweiten von Nick Sousanis entwickelten Übung, „Zithers„. Hier skizzieren die Studierenden zunächst vier ungewöhnliche Pfade, die von der tradierten Leserichtung westlicher Comics (links > rechts, oben > unten) abweichen. Diese Skizzen werden anschließend ausgetauscht. Die Studierenden wählen schließlich einen der erhaltenen vier Pfade aus und setzen diesen als einseitigen Comic um.




Dabei gilt es alle denkbaren kreativen Möglichkeiten auszuschöpfen, die Comics anbieten, um die Bewegungen ihrer Leser*innen zu beeinflussen: Von der Position, Form und Größe der Rahmungen über den Einsatz von Schrift bis hin zu Blick- und Bewegungsrichtungen von Körpern und Objekten in Zeichnungen.






Übungen wie diese erlauben den Studierenden erstmals spielerisch zu erfahren, was es heißt sich von den linearen Strukturen klassischer Textformate zu lösen.
In zwei weiteren von Nick Sousanis inspirierten Übungen sollen die bisherigen Kenntnisse in zunehmend narrativen Kontexten eingebettet werden. Auch hierbei geht es wengier darum tolle Geschichten zu produzieren, sondern eher darum die raumzeitlichen Strukturen des Comics spielerisch aus zeichnerischer Sicht zu entdecken; denn es sind eben diese Strukturen in denen Comics letztlich nicht nur Geschichten erzählen können, sondern ebenso argumentieren, behaupten oder falsifizieren können.






So entstanden in einer weiteren Übung binnen kürzester Zeit einseitige kooperative Comics. Ohne Vorgaben und Absprachen zergliedern Studierende in Kleingruppen zunächst ein DIN-A4-Blatt in interessante Panelstrukturen. Anschließend reichen sie ihr Blatt im Uhrzeigersinn weiter und fügen in die Panelstruktur ihrer Kommiliton*innen nun Sprechblasen, Erzählboxen oder Soundwords ein. Nach erneutem Weiterreichen werden die einseitigen Comics schließlich vervollständigt.
Dieser Prozess verleitet die Studierenden dazu, aus einer Form oder Struktur heraus eine Erzählung zu generieren — etwas, das sie auf ähnliche Weise auch tun, wenn zeichnerisch Forschen oder vor der Aufgabe stehen aus einer Datenmenge analytische Schlüsse und damit Kohärenz herzustellen. Einige Studierende haben diese Übungen in freiwilliger Heimarbeit beendet.
In der Übung How Did I Get Here? wählten die Studierenden mittels kürzerer Erinnerungsübungen einen kleinen, alltäglichen Zeitrahmen aus.



Anschließend zeichneten die Studierenden zunächst den Start- und Endpunkt dieses Zeitrahmens auf einer Seite auf. Nun galt es einen einseitigen Comic zu Zeichnen, der die Lesenden vom Start- zum Endpunkt führt. Auch diese Übung lässt sich auf Prozesse des Argumentierens übertragen: Führt uns ein Argument etwa von einer These zu deren Beweis, dann lassen sich an Übungen wie dieser die Möglichkeiten nicht-linearer Beweisführung erahnen.
Zu den bisherigen Übungen gesellten sich weitere: von kürzeren Fingerübungen in der Darstellung von Körpern und Bewegungen bis hin zu Übungen im Adaptieren und Variieren von Stilen anderer Künstler*innen zum weiteren erkunden der eigenen Handschrift. Die Vorlesungszeit endete mit einer längeren Übung. In dieser entstanden binnen 40 Minuten vierseitige Zines nach klaren Vorgaben und auf Grundlage einer Rahmenvorlage.8


Zunächst wählten sie per Zufallsverfahren insgesamt 7 Panelformen aus dem berühmten einseitigen Comic „Wally Wood’s 22 Panels That Always Work!!“ Anschließend notierten sie (ebenso zufällig) die Eckpfeiler eines Narrativs: Zunächst eine Figur, dann ein ihnen bekanntes Gebäude, die Position ihrer Figur in diesem Gebäude, sowie einen Ort, an dem es in diesem Gebäude brennt, und abschließend eine Brandursache.








Mit ihren Zeichnungen sollten die Studierenden ihre Figuren aus dem brennenden Gebäude befreien. Dabei musste jeder gewählte Paneltyp nach Wally Wood mindestens einmal verwendet werden. Eine Caption („Eine Woche später…“) über dem letzten Panel war vorgesehen. Zum Abschluss ließen sich die DIN-A4 Blätter zu vierseitigen Zines falten.
Praktische Übungen: Annotieren
Neben diesen zeichnerischen Übungen wurden die Studierenden schrittweise auf die erste von zwei Teilleistungen vorbereitet: die visuelle Annotation.9 Diese Form des Annotierens erfüllt für die Comicanalyse einen ähnlichen Zweck wie ein Sequenzprotokoll für die Filmanalyse. Es soll Beobachtungen an einem Analysegegenstand festhalten und eine Datengrundlage für eine Analyse schaffen. Durch wiederholtes, gegebenenfalls sogar pausierendes, beschleunigendes oder verlangsamendes Betrachten einzelner Parameter wird beim Erstellen eines solchen Protokolls der Blick auf den Gegenstand geschärft. Dies gilt auch für die visuelle Annotation eines Comics. Das schreibende, zeichnende, notierende und markierende Eingreifen in das zu analysierende Material fördert ein systematisches Erschließen des Materials.




Mit diesem Tool vertraut gemacht wurden die Studierenden durch bereitgestelltes Material, das sie in Kleingruppen annotieren sollten. Die Annotationen flossen in Plenumsdiskussionen zu den jeweiligen Comics ein. Dieses Arbeiten mit Stiften, Farben, Linealen in Randnotizen und eigenen Zeichnungen ermöglichte den Studierenden Zusammenhänge, Muster und Auffälligkeiten zu bemerken und festzuhalten.
Teilleistungen: Visuelle Annotation und Abschlussarbeiten
Als erste Teilleistung reichten die Studierenden eine visuelle Annotation zu einer selbstgewählten (Doppel)Seite ein. Bei der zweiten Teilleistung konnten sie zwischen einer „klassischen“ schriftlichen Abschlussarbeit und einem zeichnerischen Abschlussprojekt wählen.
Für die visuellen Annotationen gab es bezüglich der genutzten Werkzeuge und Materialien keine Vorgaben. Viele nutzten die „klassische“ (und für den Seminarkontext praktische) Form der Kopie mit Seitenrand. Oft wurde die Möglichkeit digitaler Leinwände genutzt, um diesen Rand beliebig zu erweitern.




Es wurden Farben, Pfeile, Icons, Skizzen oder eigene Zeichnungen genutzt, um Zusammenhänge herzustellen. Manche Beispiele ähnelten letztlich aufwändigen Poster-Präsentationen.

Einige Studierende nutzten die Möglichkeit mehrere digitale Seiten in einer PDF zu vereinen und so eine Annotation auf mehreren Ebenen anzufertigen.





Wiederum andere experimentierten mit analogen Möglichkeiten und ermöglichten mit transparenten Folien und eingeklebten Erzählboxen ein Annotieren auf mehreren Ebenen…






…, sie bastelten aus transparenten Folien ein faltbares Objekt, mehrschichtiges Objekt mit beiligender Legende und Notizen…




… oder sie kombinierten transparente Folien mit festen Karton und erstellten somit mehrschichtige Schablonen mit ausführlichen Randnotizen und Bemerkungen.






Einige dieser visuellen Annotationen flossen in die zweite Teilleistung ein und bildeten die Datengrundlage schriftlicher Comicanalysen. Sie stellen damit ein Beispiel aus der ersten der oben skizzierten drei Formen des (Comics)Zeichnens als epistemische Praxis dar: Das zeichnerische Eingreifen in die Comicseite wird hier zum wesentlichen Bestandteil der Datensammlung und -erhebung.
Abschlussprojekte
Etwa ein Drittel der Studierenden reichte ein zeichnerisches Abschlussprojekt ein. Sie entschieden sich damit bewusst für eine Arbeitsform mit nur wenigen existierenden „best practice“ Beispielen. Für Arbeitsweisen, die für schriftliche Leistungen längst systematisiert und reglementiert sind, mussten sie somit kreative Lösungen finden. Wie sichern sie in Comicform eine gute wissenschaftliche Praxis? Am Ende dieses Beitrags möchte ich einige ausgewählte Abschlussprojekte präsentieren, die ganz unterschiedliche Antworten auf diese Frage gefunden haben. Sie reichen dabei von kreativen Formen der Wissenschaftskommunikation bis hin zu zeichnerischer Forschung.
Insbesondere diese Abschlussprojekte stellten mich als Dozierenden vor eine ganze Reihe didaktischer Herausforderungen. Angefangen etwa bei der Frage nach der quantitativen Bemessungsgrundlage dieser Leistungen. In schriftlichen Arbeiten kann ich über eine Satz- oder Wortzahl einen Umfang festlegen und somit Vergleichbarkeit herstellen (auch wenn natürlich nicht jeder gleichlange Satz einen identischen Arbeitsaufwand repräsentiert). Ausgehend hiervon kann ich bereits Qualitäten bemessen: Wurde der vorgegebene Platz sinnvoll genutzt? War die Forschungsfrage dem Umfang angemessen?
Wie aber bemisst man den Umfang von Comics oder Zeichnungen? Panels können unterschiedlich groß, aufwändig oder detailiert gestaltet sein. Manche Comics kommen gänzlich ohne Worte aus, andere unterscheiden sich im Wortgehalt kaum von einer schriftlichen DIN-A4 Seite. Und manche Comics argumentieren oder denken gerade deshalb besonders gut, weil sie es schaffen komplexe Gedanken oder Ideen effektiv zu komprimieren.
Die hier vesammelten Arbeiten stellen meines Erachtens nach nicht nur spannende studentische Arbeiten dar, sondern schreiben sich mit ihren kreativen Lösungen von Problemen der epistemischen Praxis des Comic-Zeichnens unmittelbar in diesen jungen Diskurs der Comicforschung ein; und können diesem als wertvolle und inspirierende Beispiele dienen.
Ich bedanke mich herzlich bei allen Teilnehmer*innen dieses Seminars für das vertrauensvolle Einlassen auf diese auch für mich neue und experimentelle Arbeitsform. Dass dabei nicht immer alles läuft, wie geplant, ist erwartbar. Nicht erwartbar hingegen ist, dass Studierende die entstehenden Umwege und Abwege nicht nur hinnehmen und mitgehen, sondern sich diese in einem so außergewöhnlich hohem Maße produktiv und kreativ zu Eigen machen.
Außerdem danke ich ganz herzlich Adel Ermak und Kateryna Shchonkhor, den E-Multiplikator*innen unseres Instituts, die mir bei der Archivierung und Digitalisierung der Übungsergebnisse geholfen haben.
„Wachsfiguren“ von Lara Bozkurt
Lara Bozkurt nutzte die epistemische Praxis des Comic-Zeichnens für eine Auseinandersetzung, die sich inhaltlich gar nicht aus dieser Lehrveranstaltung speist. In ihrem aufwändig gestalteten Webcomic „Wachsfiguren“ setzt sich Lara Bozkurt aus einer feministischen Perspektive kritisch mit der Ausstellung der medizinischen Venus im medizinhistorischen Museum Josephinum in Wien auseinander. Sie beginnt mit einer autoethnografischen Beobachtung während ihres eigenen Besuchs im Josephinum. Anschließend zeichnet sie ihre Recherche zu diesem Ausstellungsstück und ihre Kommunikation mit dem Jospehinum nach.
Bei der medizinischen Venus handelt es sich um ein Wachsmodell eines weiblichen Körpers, das geöffnet werden kann und aus dem einzelne Organe entnommen werden können. Vor allem aber zeichnet es sich für Bozkurt durch getragenen Schmuck, lange Haare und rote Lippen als auffällig aus.


Besonders auffällig ist der kreative Umgang Bozkurts mit der Einbindung von Quellenangaben: kleine, sich per Mausklick öffnende, rote Vierecke geben den Blick auf Quellen hinter Zeichnungen und Sprechblasen frei. Sie bereiten die Leser*innen gleichzeitig auf die zunehmenden Möglichkeiten direkter Interaktionen mit den Zeichnungen des Comic vor.

Deren Höhepunkt liegt in einer zeichnerischen Replika des Torsos der medizinischen Venus, die per Drag & Drop geöffnet und in einzelne Organe zerlegt werden kann (ganz ähnlich wie das hinter Glas fixierte Original es theoretisch zuließe).


Bozkurt nutzt diesen Moment, um die Leser*innen Stück für Stück die Gebärmutter des Modells mitsamt Emryo freilegen zu lassen, um an genauer dieser Praxis den Kern ihrer kritischen Beobachtung zu entfalten: Sie verweist auf die im Ausstellungskontext merkwürdige und merkwürdig unkommentierte Verbindung zwischen dieser medizinischen „Verfügbarkeit“ eines weiblichen Körpermodells, Aspekten von Schwangerschaft und die Präsentation eines Körpers, der jenseits seiner didaktischen Funktion deutlich und sichtbar im Kontext (weiblich gelesener) Schönheitsideale inszeniert wird.
„Karl Andreas von Bernbrunn — Was können Sie mir über ihn erzählen?“ von Tabea Lachner
Tabea Lachners Comic zu Karl Andreas von Bernbrunn (Carl Carl) bietet nicht nur ein historisches Porträt einer Figur der Wiener Theatergeschichte sondern stellt sich als Reflexion über das Porträtieren historischer Figuren dar.


Durch eine mühevolle Recherche navigiert Lachner eine große Menge an Aussagen über Carl Carl, die unterschiedlichste Akteure über ihn getroffen haben und nutzt dabei die Form des Comics für ein Spiel der In/Stabilität von Subjektkonstruktionen.


Auf der einen Seite stellt der Comic als biografisches Werk ein Beispiel gelungener Wissenschaftskommunikation historischer Forschungsarbeit dar. Auf der anderen Seite ist er in seiner formalen Gestaltung auch als experimentelle zeichnerische Forschungsarbeit zu der Frage zu verstehen, was es heißt, sich ein Bild von jemanden zu machen.
„Den Rahmen Sprengen — Eine Untersuchung des Rahmens im Comic und seine Fuktionen“ von Hannah Phoebe Maule

Hannah Maules „Den Rahmen Sprengen“ stellt eine von gleich mehreren Abschlussarbeiten dar, die sich mit dem Rahmen im Comic auseinandersetzen. Maule bezieht sich dabei (wie viele der anderen Arbeiten) im Wesentlichen auf Ausschnitte aus Thierry Groensteens The System of Comics; einem Text der in der Veranstaltung gelesen und diskutiert wurde.
Maule ergänzt die Ideen Groensteens um Ansätze von Scott McCloud und Neil Cohn. Die Form des Comics nutzt sie, um die unterschiedlichen konkreten Verständnisse von Rahmen direkt zeichnerisch umsetzend auszuprobieren und gegenüberzustellen.


Sie arbeitet mit Fußnoten, die sie direkt in ihre Erzählboxen einfügt. Das Ergebnis bewegt sich an der Grenze zwischen einer zeichnerischen Erkundung eines theoretischen Konzeptes und zeichnerischer Wissenschaftskommunikation.
„Die Funktionen des Rahmens im Comic — Eine Analyse und Erweiterung nach Thierry Groensteen“ von Levinja Mozina
Dieses Beispiel versucht über das eigene Zeichnen die Grenzen der sechs Funktionen auszuloten, die Thierry Groensteen dem Rahmen im Comic zuschreibt.

Äußerst sorgfältig und detailiert erkundet Mozina dabei gemeinsam mit ihrer Figur — einem Rahmen, der nach dem Sinn des Lebens sucht — zunächst die einzelnen von Groensteen vorgestellten Rahmenfunktionen

Gezielt nutzt sie andere Stimmen (etwa von Scott McCloud, Silke Horskotte oder Astrid Böger), die sie mittels Fußnoten direkt in ihre Zeichnungen einbindet, um Groensteens Rahmenfunktionen zu überprüfen und schließlich zu konkreten Vorschlägen weiterer Funktionen zu gelangen.

Neben einer „Transgressive Function“ schlägt Mozina die Idee einer „Typographic Function“ vor. Ihr Comic ist insbesondere an Stellen wie diesen ein gutes Beispiel für Comics als epistemische Praxis nicht nur im Sinne der Wissenschaftskommunikation, sondern ganz konkret als zeichnerische Praxis des Forschens.
„Der Rahmen im Comic — Eine kritische Auseinandersetzung mit Thierry Groensteen mit Ramón dem Rahmen“ von Stephan Stroblmayr
Eine weitere Arbeit zur Funktion des Rahmens mit einem Rahmen als zentraler Comicfigur stammt von Stephan Stroblmayr. Hier ist der Rahmen ein Fußballtor, welches wiederholt zur Folie und Oberfläche von Stroblmayrs zeichnerischer Erkundung wird.

Stroblmayr nutzt seine Zeichnungen als direkten Kommentar auf (sowie leichter Kritik an) Thierry Groensteens und Scott McClouds Ideen zum Rahmen.

Auch hier werden Fußnoten genutzt und direkt in die Zeichnungen eingebunden, um die dargelegten Ideen in den Diskurs einzubinden.
„BOOM, BANG, POW! — Wenn Comics hörbar werden“ von Annely Petz

Annely Petz Comic „BOOM, BANG, POW!“ setzt nicht nur thematisch alles daran, möglichst laut zu sein. Hier werden die Möglichkeiten des Comics zu tönen und zu klingen zeichnerisch erkundet.
Ideen aus Arbeiten von Scott McCloud, Martin Schüwer, Joost Pollmann oder Lukas R.A. Wilde werden dabei im Sinne der Wissenschaftskommunikation veranschaulicht.


Mit Humor und effektiven gestalterischen Mitteln eröffnet Petz somit einen Blick auf Dimensionen des Klangs im Comic

„Horrorcomics in the 50s — Featuring Zeitgeist & Graf Ick(!)“ von Jan Schüssler

Ganz im Sinne der Wissenschaftskommunikation gestaltet Jan Schüssler seine historische Arbeit zum Horrorcomic in den 1950ern so, als sei sie selbst ein Horrorcomic aus den 1950er Jahren. Die Arbeit zeichnet sich insbesondere durch diese kreative Leistung im Layout aus und weist sich damit gleichsam ganz deutlich im Kontext von Comics als Form der Wissenschaftskommunikation.
Schüssler arbeitet mit Collagen aus Fotografien, Ausschnitten aus alten Comicheften, sowie eigenen Zeichnungen, zu denen die zwei titelgebenden und moderierenden Figuren „Zeitgeist“ und „Graf Ick(!)“ gehören.


Schüsslers Arbeit endet mit einem Abbildungsverzeichnis und einer Bibliographie; ebenso im Stil seines fantasierten Heftes.

„Zeitlichkeit in Comics“ von Alexandra Vlaicu
Studierende wie Alexandra Vlaicu haben sich bei ihren Abschlussprojekten im Wesentlichen auf schriftliches Arbeiten konzentriert und ihre Texte durch eigene Zeichnungen ergänzt.



In eine Auseinandersetzung zur Zeitlichkeit in Comics, insbesondere bezogen auf Martin Schüwers Auseinandersetzungen mit den Kinobüchern von Gilles Deleuze fügt Vlaicu einzelne Zeichnungen ein, die zu Gegenständen oder Illustrationen der theoretischen Diskussion werden.
30.03.2026, Dr. Björn Hochschild
Fußnoten
- Sousanis, Nick: Unflattening, Cambridge, Massachusetts / London, England: Harvard University Press 2015. ↩︎
- Siehe etwa: Weaver-Hightower, Marcus B., Nick Sousanis und Paul J. Kuttner: „How to Draw Comics the Scholarly Way. Creating Comics-Based Research in the Academy“, in: Leavy, Patricia (Hrsg.): Handbook of Arts-Based Research, New York, UNITED STATES: Guilford Publications 2025, S. 494–528, http://ebookcentral.proquest.com/lib/univie/detail.action?docID=31875469; Hebbel-Seeger, Andreas: „Comics als Medium der Wissenschaftskommunikation und Werkzeug wissenschaftlichen Arbeitens“, in: Hebbel-Seeger, Andreas (Hrsg.): Hochschullehre lernen, verstehen und gestalten, Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden 2025, S. 117–133, https://link.springer.com/10.1007/978-3-658-48999-1_8(zugegriffen am 25.02.2026); Laurier, Eric und Shari Sabeti: „Thinking Through Comics“, Aspect Network, 18.01.2024, https://aspect.ac.uk/resources/thinking-through-comics-method/ (zugegriffen am 20.02.2026). ↩︎
- Barry, Lynda: Making Comics. Celestial Hand & Eye Activity, Montréal, Québec: Drawn & Quarterly 2019; Barry, Lynda: Syllabus: Notes from the Accidental Professor, Montreal: Drawn & Quarterly 2014; Grennan, Simon: A Theory of Narrative Drawing, New York: Palgrave Macmillan 2017; Czerwiec, M. K. u. a.: Graphic Medicine Manifesto, University Park: Penn State University Press 2020. ↩︎
- Barry, Lynda: Making Comics, S. 3. ↩︎
- Sie stammt aus Making Comics, S. 54-55. Während ich die erste Übung selbst entworfen habe, habe ich mich für viele andere bei anderen Comicforscher*innen und Zeichner*innen inspirieren lassen — oder sie wie hier von ihnen übernommen. Die Idee, gegenseitige Porträts unter zunehmendem Zeitdruck anzufertigen habe ich von Ali Fitzgerald. Sie nutzte diese im Rahmen eines Workshops auf der Tagung „Between Contestation and Convergence: Multidirectional Memory of the Holocaust and Colonialism in Comics“ (Gut Siggen, 09.-13.10.2023). ↩︎
- Siehe etwa Making Comics, S. 54-55. Man findet sie ebenso bei Cruz, Rachelle: Experiencing Comics: An Introduction to Reading, Discussing, and Creating Comics, San Diego: Cognella 2021. ↩︎
- Sousanis hat diese und weitere Übungen auf seiner Webseite beschrieben: https://spinweaveandcut.com. ↩︎
- Bei dieser Übung handelt es sich um eine Abwandlung und Kombination von Übungen, die ich bei Lynda Barry und Nick Sousanis gefunden habe. ↩︎
- Diese Form des Arbeitens mit Comicseiten beschreibt Nick Sousanis auf seiner Homepage: https://spinweaveandcut.com/visual-analysis-unfurling/ ↩︎