7 vs. Wild: Wie das neoliberale Subjekt alleine das Ende der Zukunft überlebt.

von Daniela Holzer

Keine Regenwürmer oder Maden, weder Mäuse noch Vögel, nur ein paar Gegenstände und wenige Kleider am Körper: Es hat den Anschein, als wäre die Apokalypse hereingebrochen und die Welt untergegangen. Insbesondere dürfte sich gerade Mattins Welt auflösen: In Folge 8 der Survival-Show 7 vs. Wild beichtet der Kandidat unter Tränen mittels Großaufnahme in die Kamera: „Schön ist die Natur, keine Frage, aber sie ist fucking einsam“ (7 vs. Wild, 2021, 00:41:17).

Abbildung 1:  Survivalist Mattin bricht in Tränen aus (Quelle: 7 vs. Wild, Staffel 1, Folge 8, 2021, 00:40:25)

Establishing Shot: Wir schreiben das 21. Jahrhundert und die Welt geht unter. Es endet aber nicht nur einmal oder aus einem bestimmten Grund, es endet immer wieder in der Populärkultur, im Film, in der Literatur, im Fernsehen, in Videospielen oder auf YouTube in Survival-Shows – und das zumeist einsam. Eva Horn (2014) legt mit „Zukunft als Katastrophe“ ein umfassendes Werk vor, wie unsere Zukunft als Katastrophe in der Fantasie der Medien ihren Ausdruck bzw. ihre mediale Verarbeitung findet. Sie kommt dabei zum Schluss, dass sich die Gegenwart darin gefällt, die Zukunft schwarzzumalen. Im Kapitel „Überleben: Die Biopolitik der Katastrophe“ zeigt die Kulturwissenschaftlerin auf, wie sich beginnend in den 1980er-Jahren Survivalism von einem populären Outdoorsport hin zu einer permanenten Katastrophenübung wandelt (vgl. Horn 2014, S. 181–241) – ubiquitärer Modus: fit to survive (s. a. vgl. Martschukat, 2018). Doch haben wir es vor dem Hintergrund der weltweiten Pandemie und der andauernden Ausnahmesituation in den letzten Jahren mit einer noch radikaleren Form der Biopolitik zu tun, was Horn im Jahr 2014 bei der Publikation ihres Werks nur erahnen konnte. Mein Anliegen besteht somit darin, Horns facettenreiche und detaillierte Ausführungen zum aktuellen medialen Katastrophenbewusstsein anhand der Skripts von Überlebensshows weiterzudenken. In der Folge verkehrt sich jedoch die Blickrichtung, denn in diesem Artikel soll, anders als in den Studien von Horn, nicht der primäre Fokus auf der Katastrophe als Zukunftserzählung liegen, vielmehr betrachte ich Survivalism als ein Medium der Gegenwart. Dabei verfolge ich eine ambivalente These, nämlich, dass auf der einen Seite Survivalism nicht nur als bloße Spielerei von kleinen Gruppen zu begreifen ist, sondern direkt in der Mitte unserer gesellschaftlichen Bedürfnisse angelangt ist. Auf der anderen Seite kann Survival als randständige Disziplin des Neoliberalismus verortet werden, da Survivalism als radikale Abkehr von hochtechnisierten Wohlstandgesellschaften zielstrebig und außerhalb eines funktionierenden gesellschaftlichen Gefüges an deren Rändern verläuft. Dieses Nischendasein bzw. diese Katastrophennarrative rund um Survivalism, die im Ernstfall eher nur kleine Notgemeinschaften oder die Kleinfamilie bzw. eine*n einsame*n Heldin*Helden zulassen (vgl. Horn 2014, S. 223), enthalten zugleich eine drastische Spannung: Zwischen der Sehnsucht nach Beziehungen einerseits und der Unmöglichkeit, diese zu realisieren andererseits, gedeiht die „akute Einsamkeit des Menschen“ (vgl. Müller 1994, S.  87–108). Medien spielen dabei eine zentrale Rolle, und zwar nicht nur in Bezug auf die Katastrophennarrative. So erlaubt im eingangs angeteaserten Beispiel die „Jagd mit der Kamera“, wie wir sie aus Safarifilmen kennen, die „echte“ furchtlose Männlichkeit sowie die Verkörperung der Freiheit zu artikulieren und auszudrücken. Speziell lassen sich damit auch die Ambitionen und Ängste einer dominanten weißen, hetero cis-männlichen Gruppe in den Fokus nehmen. Insbesondere interessiert in diesem Beitrag aber, wie mit und in den Medien die bloße Existenz als „mere life“ (Honig 2009, S. 10) des Subjekts verhandelt, produziert sowie hergestellt wird. Damit stellt sich die für diesen Beitrag leitende Frage: Wie werden aktuelle Katastrophen, die daraus resultierenden Ängste und die sich dadurch ergebende Resilienz in den („sozialen“) Medien – vorrangig auf der Videoplattform YouTube – verarbeitet? Im Zusammenhang mit der oben entfalteten These sowie der Fragestellung werde ich nachfolgend auf das Survival Dispositiv in seiner medialen Ausprägung eingehen und thematisieren, warum ich den Gegenstand 7 vs. Wild als Beispiel zum theoretischen Hintergrund als lohnenswert erachte und mich kurz mit der Genealogie des Phänomens beschäftigen. Ich starte mit letzterem Punkt, wofür ich die Ausarbeitungen Eva Horns und Joe P. L. Davidsons (Horn 2014, Davidson 2019) heranziehe. In Summe dient die Reality-Survival-Show 7 vs. Wild des Webvideoproduzenten Fritz Meinecke als Gegenstand, um das Survivalism-Dispositiv näher auszuleuchten, da diese reichweitenstarke YouTube-Show beweist, dass es sich dabei nicht nur um ein spielerisches Spektakel von Menschen, die sich unschuldig in der Natur fit halten, handelt.

Eine kurze Genealogie: von der Kamerajagd bis zum nuclear winter

Die Verflechtung des visuellen Bildes und des überlebensorientierten Subjekts beginnt bereits im späten 19. Jahrhundert, als die Kamerajagd aufkam, erklärt Soziologe Joe P. L. Davidson. Ziel war es, Tiere mit einer Kamera und mit einem Gewehr zu „erlegen“. Die fotografischen Bilder dienten als Trophäen der Sportlichkeit, des Könnens und der Macht (Davidson 2019, S. 480). Diese damals gefährliche Praxis prägte auch die Naturkinematografie: Filmemacher*innen als Held*innen in der Wildnis. Diese sensationslüsternen Darstellungen nahmen in den 1930er-Jahren ab, selbst wenn beispielsweise Jacques-Yves Cousteau in den 1960er-Jahren bei seiner Suche nach einem bestimmten Tier noch daran erinnern mag. In den 1990er-Jahren gewinnt das Thema durch z. B. The Crocodile Hunter (Animal Planet 1962) an neuer Popularität (ebd.). Im Übrigen zeigt sich auch in 7 vs. Wild, wie sich in diesen Shows die Tradition der Naturdokumentationen bis heute fortsetzt.

Zum Ausgangpunkt von Survivalism wäre zu sagen, dass historisch betrachtet der Kalte Krieg zum zunächst dominierenden Desaster gehörte, doch wird in den 1980er-Jahren der lokale Angriff zu einem globalen Szenario ausgeweitet: zum nuclear winter (vlg. Horn 2014, S. 149–164). Trotz erweiterter Verstrahlungs- und Vergiftungsszenarien war der damalige Desasterkatalog im Vergleich zum heutigen Portfolio von Katastrophen noch relativ überschaubar, postuliert Horn. Sie schildert, dass aber das Bewusstsein für Survivalism infolge der Krisenanfälligkeit des westlichen Lebensstils (Ölkrise, Inflation) bereits in den 1970er-Jahren seinen Ausgang nahm. Zugleich wird damit der Rückzug aus der Urbanität in die Natur propagiert. Beispielsweise geben Don und Barbie Stephens in The Survivor’s Primer & Up-dated Retreater’s Bibliograph (1976) Tipps, wie ein sicherer Rückzugplatz am Land aussehen kann, da mensch im Katastrophenfall schleunigst aus der Stadt sollte: „Katastrophenschutz wird zum Lebensstil“ (ebd., S. 185). In der Gegenwart machen die diffuse Lage heutiger Katastrophenszenarien die Formen der Vorbereitung komplexer und daher sprechen Survival-Seiten nicht mehr „nur“ von preparedness (Vorbereitetsein), sondern von Resilienz (Widerstandsfähigkeit). Damit ändert sich das Motto, wie es z. B. John Robb, Militär- und Unternehmensberater, fordert: „Don’t just survive, thrive! (Nicht bloß überleben, gedeihen!) (ebd., S. 187).“ Der Fokus verschiebt sich daher weg von „Prepping“, also der reinen Katastrophenvorbereitung, hin zur Fähigkeit, „von Katastrophen nicht mehr so schwer betroffen zu sein, ihr Ausmaß gering zu halten und sich schnell wieder zu erholen (ebd.).“

Survivalism als mediales Dispositiv

Nach diesem groben Überblick widme ich mich nun der medialen Seite des Survival Dispositivs. Aufgrund der Vielfältigkeit von Survivalism ist es nicht nur in dem Rahmen schwierig, konkrete Definitionen vorzunehmen, wie bereits die vielen unterschiedlichen Gruppen deutlich machen – seien es Survivalists, Preppers, Hunters, die Bushcraft-Community, SHTF (shit hits the fan) Preppers, Überlebende im sogenannten TEOTWAWKI (The End of The World As We Know It) und so weiter. Immerhin verbinden Survivalists mit ihrer Überzeugung hinsichtlich der Art und Weise der Katastrophe nicht selten entsprechende Praktiken (vgl. Horn 2014, S. 182). Kurz skizziert sind grobe definitorische Unterscheidungen: Bushcraft zielt darauf ab, rauszukommen und Abenteuer zu erleben, beim Survival ist das Ziel, mit entsprechenden Fähigkeiten draußen zu überleben, aber vor allem, wieder nach Hause zu kommen (Kopas 2021). Die Maxime der Prepper Boyscouts ist es, to be prepared – also vorbereitet und in ständiger Alarmbereitschaft zu sein (Horn 2014, S. 181). Die Community räumt jedoch ein, dass klare Grenzen kaum gezogen werden können (Kopas 2021). Kurzum: In der Vielfalt der Ausprägungen von Survivalism und deren mediale Repräsentation mit ihren unterschiedlichen Visionen der Apokalypse variiert, was für Prepper oder Survivalists eine Krise darstellt, und zwar entlang eines Spektrums von Überzeugungen und Praktiken. Das Spektrum reicht von kurzfristigen persönlichen Krisen bis hin zum längerfristigen Zusammenbruch der Gesellschaft (Barker 2020, S. 484). Die Gruppen rund um Preppers, Survivalists oder der Bushcraft-Community reagieren darauf mit einer Reihe von materiellen Praktiken wie dem Anlegen von Vorräten, der Beschaffung von Ausrüstungsgegenständen, dem Erlernen von Fähigkeiten oder dem Aufbau von körperlicher Fitness zur Selbstversorgung (ebd.). Im Übrigen gilt hinsichtlich der Kategorisierung selbiges für Reality TV oder Reality-Shows, die sich aufgrund ihrer „Hybridisierung“ und als „Genrefamilie“ ebenso wenig leicht einteilen lassen (vgl. Klaus, Lücke 2003, S. 196). Viel eindeutiger lässt sich festhalten, dass sich Survivalism als ein Dispositiv darstellt, das mit seinen Praktiken der Visualisierung, Verbreitung, aber auch Relationen zwischen Expert*innen und Laien unterschiedliche Wissensfelder sowie Ordnungsmuster, divergierende Verhaltensoptionen u. v. m. in Gang setzt und eine Antwort auf eine bestimmte gesellschaftliche Problemlage darstellt. Was Horn bereits in den 1970er- und 1980er-Jahren als „Grundidee der späteren Survival Bewegungen“ (Horn 2014, S. 185) ausmacht, verpackt als Tipps und Hinweise ist eine Problemlage, die unter dem Schlagwort „vom Netz (‚off the grid‘) gehen“ aktueller nicht sein könnte. Im Konkreten bedeutet das, nicht mehr von staatlichen Infrastrukturen wie dem Stromnetz u. v. m. abhängig zu sein. Schließlich ist für die Survival-Bewegungen klar, dass mensch im Katastrophenfall weder modernen Technologien noch dem Staat oder der Wirtschaft trauen kann (vgl. ebd.). In Anbetracht der aktuellen Lage und der sich langsam füllenden Gasspeicher kann das nicht mehr nur als Fantasie vom „Einbruch des Realen“ (Žižek 2002, S. 12ff.) betrachtet werden: Zu befürchten ist, dass wir im Herbst 2022 aufgrund von Energiekrise, Krieg, Inflation etc. womöglich auf eine „Massenverarmung“ zusteuern – was als existenzbedrohende Wirklichkeit Wirkung zeigen dürfte.

Die Annahme, dass Survival-Fernsehen „nur“ eine primitive Form der Männlichkeit verkörpert, ist innerhalb der Forschung viel diskutiert, jedoch umstritten (vgl. Davidson 2020, S. 477). Im Fall von 7 vs. Wild liegt sicherlich eine starke Betonung von primitiven Männlichkeitsmodellen wie „Rückkehr zur Natur“ und „individuelle Unabhängigkeit“ in der Darstellung vor (vgl. Fenske 2015, S. 313) – schon deswegen, weil in der ersten Staffel nur weiße, männliche Personen Teil der Show sind. Besonders auffällig ist die Affinität zur Selbstkontrolle und -optimierung als neoliberales Prinzip. Die Körper der Survivalisten machen deutlich, wie sie in ihrer Zurichtung auf die äußerste Nützlichkeit und die Ausnutzung ihrer Kräfte gesteigert sind, wobei es den Eindruck macht, nur „echte“, hart an sich selbst arbeitende Männer kommen mit den Entbehrungen, Gefahren und Demütigungen zurecht. Dementsprechend lässt 7 vs. Wild durchaus Vergleiche mit Deutschland sucht den Superstar (RTL, seit 2002), Popstars (Pro 7, bis 2015) oder Germany’s Next Topmodel (Pro 7, seit 2006) zu – Sendungen, die sich im Sinne des „Life Improvements“ als Programm à la „Makeover-Shows“ zur „Selbstverbesserung und Selbsttransformation“ lesen lassen (s. a. Seier 2019). Jedoch mit einem großen Unterschied: Die Empowerment-Prozesse richten sich bei 7 vs. Wild didaktisch weniger an die Teilnehmenden selbst, sondern werden von Meinecke und den anderen Survivalexpert*innen, die als eine Art Survival-Motivations-Coaches fungieren, direkt und ohne Umschweife den Zuschauenden vorgeführt. Nachdem das Survival-Dispositiv im Zentrum meiner Überlegungen stand, wird dies im Folgenden anhand eines spezifischen Beispiels konkretisiert.

7 vs. Wild aus der Feder des „Survival-Königs“

Obwohl uns US-amerikanische, britische und deutsche TV-Sender gerade während der Corona-Pandemie eine erhebliche Menge Material zum Überlebensthema beschert haben – wie etwa Naked and Marooned with Ed Stafford (Discovery Channel, UK, 2013), Called to the wild (National Geographic, US, 2020), 100 Days Wild (Discovery Channel, US, 2020), Naked and Afraid: Alone (Discovery Channel, US, 2020), Jenke Über Leben (RTL, DE, 2018), SOS: How To Survive (The Weather Channel, US, 2017), Wild Island – Das pure Überleben (Pro Sieben, DE, 2015) und Ruf der Wildnis (Spiegel TV Wissen, DE, 2019) –, hat Fernsehen kein Monopol auf Endzeit. Zudem sind Survival-Expert*innen wie Ed Stafford, Bear Grylls oder Rüdiger Nehberg (Nehberg verstarb 2020) nicht die Einzigen, die sich mit Überlebenstechniken auseinandersetzen und diese propagieren. Auch haupt- oder nebenberufliche YouTuber*innen spielen bei der Definition und der Gestaltung des Genres eine erhebliche Rolle. Gerade sie bilden eine nützliche Linse, durch die sich gegenwärtiger Survivalismus untersuchen lässt. Generell ist unter den Schlagworten Survival, Bushcraft etc. auf YouTube nicht weniger Bewegtbild-Content als im klassischen Fernsehen zu finden und eine schiere Masse an Videos zeigt dem Publikum, wie Überlebensexpert*innen mit minimalsten und unterschiedlichsten Fertigkeiten fast alles überstehen können. Doch im Vergleich zu US-amerikanischen Survival-, Bushcraft- und Prepper-Blogger*innen und -Influencer*innen ist die Szene in Österreich und Deutschland noch recht überschaubar, zumindest „einflussreiche“ Outdoor-Abenteurer*innen gibt es nur wenige. Zu diesen zählt der „Survival-König“ Fritz Meinecke (Lux 2022). Bekannt wurde er durch seine Urban-Survival-YouTube-Videos und im Speziellen aufgrund seiner spektakulären Wagnisse, mit denen er auch im Fernsehen vertreten war, wie etwa der Besuch mit Wigald Boning in Tschernobyl im Rahmen der Lost Places Doku Wigald & Fritz – Die Geschichtsjäger im History Channel. Bei genauem Beobachten wird klar, dass Meineckes Abenteuer nicht dem Selbstzweck dienen, sein mediales Engagement ist professionell und geht von hohem Social-Media-Engagement über einen eigenen YouTube-Kanal, eigens entwickelten Survival-Reality-Show-Konzepten bis hin zu Ratgebern passend zum Motto „Life Begins at the End of Your Comfort Zone“ (Meinecke 2017, S. 18). Jedenfalls kann 7 vs. Wild mit einem überraschenden und überproportionalen Erfolg in diesem Genre aufwarten. Bis zu 6,5 Millionen Views sammelten die Folgen der ersten Saison (vgl. Busch 2022). Das heißt, in der Regel sahen um die 3 Millionen Menschen dabei zu, wie 7 vs. Wild das Experimentierfeld des bloßen Überlebens mit besonderer Schärfe ausleuchtete. Insgesamt generierte das Format eine hohe mediale Aufmerksamkeit nicht nur auf privaten Blogs, Gamingseiten und innerhalb der Community, die Show war gleichfalls Thema vieler redaktioneller Beiträge in regionalen, aber auch großen Nachrichtenseiten und Zeitungen wie Der Spiegel (vgl. Laage 2022) oder taz (vgl. Meyer-Oldenburg 2022). Jedoch anders als bei Unterhaltungssendungen wie etwa dem Dschungelcamp – Ich bin ein Star – holt mich hier raus (RTL, seit 2004) sind Meineckes Kandidaten völlig auf sich allein gestellt. Das heißt, dass keine Kamerateams, Techniker*innen, Redakteur*innen, Sicherheitsmitarbeiter*innen etc. die Survivalists begleiten, es gibt keine Regieanweisungen, die künstlich Spannung erzeugen, das Spiel dreht sich um das blanke Überleben, verspricht Fritz Meinecke (vgl. RND 2022). Anders als etwa bei Scripted-Reality oder Pseudo-Dokus weist 7 vs. Wild auch eine „echte“ Fallhöhe auf – unter angemessenen Sicherheitsbedingungen versteht sich. Die Teilnehmenden gehen nämlich ein „reales“ Risiko ein. Die Survival-Profis filmen sich während der gesamten Challenge ausnahmslos selbst, schließlich sind sie in der Wildnis Schwedens völlig auf sich allein gestellt und müssen sich bei Unfällen auch selbst zu helfen wissen. Nur ein Notfall-Smartphone mit GPS-Sender beendet mit einem Anruf die Teilnahme, denn dann tritt ein Hilfsteam auf den Plan, um die Teilnehmenden „rauszuholen“ und beispielsweise bei Unterernährung, Unterkühlungen, mentalen Schwierigkeiten oder bei schweren Verletzungen zu versorgen. Für die Erstversorgung steht den Kandidaten ein SOS-Kit zur Verfügung, das mit einer Plombe versehen ist, um den Gebrauch verifizieren zu können, denn bei Benutzung gibt es Punkteabzug. Die restliche Ausstattung der Kandidaten ist minimal und reduziert: Die sieben Kandidaten dürfen für sieben Tage in der Wildnis nur sieben Gegenstände mitnehmen – abgesehen vom Kamera-Set, das aus Akkus, Befestigungsmöglichkeiten, Ladegeräten, Powerbanks, Speicherkarten, einer Kopflampe und zwei Action-Cams besteht. Zu der technischen Grundausstattung kommen Beutel hinzu, in denen auf Zetteln Tageschallenges beschrieben sind und die Maßbänder, Stoppuhren, Stifte oder ähnliche Tools enthalten, um die eigene Leistung zu messen – ganz im Sinne der gouvernementalen Selbstvermessung. Diese Zusätze dürfen aber keinesfalls zweckentfremdet werden und sind für andere Aktionen tabu – so die Regeln der Show. Die sieben Objekte, mit denen sich die Kandidaten zutrauen, eine Woche in Schweden zuzubringen, sind vor dem Auftakt der Show aus einer Liste von 50 Gegenständen wählbar. Bloß ein Kandidat entschied sich für nur zwei Objekte: Messer und Feuerstahl. Die restlichen sechs Survival-Profis hatten Dinge wie Schlafsack, Planen oder Kochgeschirr, Angel-Set, Messer, Paracords o. Ä. dabei. Ferner sind alle Protagonisten der Show dem Bereich „Survival“ zuzuordnen und zählen in der Regel auch zu den Adventure Buddys von Fritz Meinecke, die beispielsweise beim Urban Exploring (kurz Urbex) alte verlassene Gebäude und Gegenden aufsuchen, um ganz nach dem Motto „Take nothing but pictures, leave nothing but footprints“ bloß ihre Abenteuerbilder, ihre Überlebenspraktiken und ihr Wissen „dazulassen“ (vgl. Meinecke 2017). Trotz allem sind die Teilnehmer in ihren Praktiken und Selbstzuschreibungen sehr unterschiedlich und reichen vom Überlebenskünstler bis zum Gear-Junkie. Doch bei allen Unterschieden haben alle Protagonisten eines gemeinsam: Sie sind nicht nur mit den Praktiken des „Überlebens“, sondern als reichweitenstarke Content-Creatoren auch mit den technisch-apparativen und ästhetisch-diskursiven Bedingungen, sprich mit der gesamten medialen Struktur von YouTube-Content, bestens vertraut. Anders als vielleicht vermutet, wurde das selbstproduzierte Filmmaterial jedoch in Meineckes Studio geschnitten sowie bearbeitet und zu einem von ihm ausgewählten Datum auf YouTube veröffentlicht. Es handelt sich also nicht etwa um Live-Content; damit hatte Meinecke das Experiment in gewisser Weise in der Hand.

Einsames Überleben

Salopp ausgedrückt hat 7 vs. Wild insofern das Konzept moderner Biopolitik zum Gegenstand, als [M]an(n) weniger durch Tüchtigkeit oder Tugend überlebt,„sondern weil andere sterben“ (Horn 2014, S. 198) – oder aus dem Experiment fallen, um es in Anlehnung an Horn zu formulieren. Jedenfalls wissen fiktionale Notgemeinschaften in entsprechenden Fällen zu töten und dieses Töten (besser oder schlechter) zu begründen, informiert uns Horn – falls überhaupt eine Begründung folgt, möchte ich an dieser Stelle hinzufügen, um auf das Prinzip von „mere life“ überzuleiten. Selbst wenn sich dies in 7 vs. Wild eher zwischen den Zeilen abspielt, lässt sich die Differenz zwischen „mere life“ und „more life“ anhand der Survivalshow gut ins Visier nehmen, wie ich nachfolgend noch eingehender erläutern werde. Jedenfalls verlangt „more life“ im Gegensatz zu „mere life“trotz Entscheidungszwängen immer noch Rechtfertigung. Infolgedessen verweist Horn auf den Begriff der „Triage“ (vgl. Horn 2014, S. 221f), der uns spätestens seit der Corona-Pandemie geläufig ist. Doch scheint sich das Wort in Luft aufgelöst zu haben – mithin lässt sich fragen: Ist das „Triageprinzip“ bereits dem Konzept von „mere life“ zum Opfer gefallen? Eine weitere aktuell beliebte Beschreibung, die eine moderne Biopolitik bzw. die einer Knappheit widerspiegelt, nennt sich „Wohlstandsverlust“. Dieser Begriff suggeriert einen „Verzicht auf Flauschigkeit“ (vgl. Davidson 2019), in Wahrheit steckt jedoch Armutsgefährdung dahinter (vgl. Strobl, 2022). Anhand des Gebots von „Peparedness“, das angesichts der Energiekrise, Arbeitslosigkeit u. v. m. für immer mehr Menschen zum Überlebenscredo wird und weit weg von Flauschigkeitsverlust liegt, bietet 7 vs. Wild die Gelegenheit, Gruppen wie Survivalists und Preppers sowohl in der Mitte als auch jenseits der Ränder von neoliberalen Sicherheitsgesellschaften zu verorten und zu beobachten. Sie jagen nicht nur als autarke, selbstverantwortliche Subjekte mit Kameras durch den Wald oder werden dabei gefilmt, sondern verstecken sich gleichzeitig vor den (spöttischen) medialen Blicken einer Gesellschaft, in der Prepper als Egoist*innen oder als „Klopapier-Hamster“ gelten (vgl. Barker 2019, S. 484). In der experimentell-prekären Lage, die die Show arretiert, beinhaltet jede Szene Aktivität und steht damit dem „Erschöpften Selbst“ (Ehrenberg 2015) oder dem „Wellness-Wohlfühlprogramm“ (Duttweiler 2015) gegenüber. Mit einem Wort: Das utopisch Imaginäre des Überlebensfernsehens deckt sich in seiner Ambivalenz wiederum mit den schattenhaften Realitäten des Neoliberalismus, da der Wegfall sozialer Unterstützung gerade mehr denn je zu einem verstärkten Kampf um die Aufrechterhaltung des gewohnten Lebensstandards führt. Survivalists und Prepper vermitteln ein Bild davon, wie eine zukünftige Welt aussehen könnte, denn sie haben Wohlstand längst in spielerischer Verachtung überwunden. Vor diesem Hintergrund argumentiere ich, dass die Reality-Show 7 vs. Wild in einer Gesellschaft angesiedelt ist, die bereits eine Biopolitik der Knappheit hinter sich gelassen zu haben scheint, um sich auf eine noch weit größere Zäsur vorzubereiten. Denn im Grunde hat nichts mehr Nutzen, was nicht auf die Protagonist*innen der Show selbst verweist. In diesem Sinne praktizieren Meineckes Survivalists in 7 vs. Wild auch das Einüben eines „mere lifes“, wie es Horn beschreibt: „‚mere life‘ als ein einsames, isoliertes Agieren, das sich auf nichts bezieht als die eigene Erhaltung (Horn 2014, S. 229).“ Und demnach im Widerspruch steht zu „hart arbeitenden ‚Jedermännern*‘“, die den „neoliberalen Traum“ anstreben und an eine Verbesserung glauben – und nicht nur auf das bloße Überleben hoffen. Ganz im Sinne von Giorgio Agamben thematisiert die Show somit nicht den katastrophischen Kern moderner Biopolitik als bios, sondern als zoé – als nacktes Leben (vgl. Agamben 1995, S. 11–22). Das zieht sich von der narrativen Seite bis hin zur Produktionsseite, wie ich anhand der Story sowie der geringen Produktionsmittel der Show aufzeigen konnte. Zwar fokussieren genannte Gruppen den apokalyptischen Zusammenbruch, wie ihn Horn beschreibt, doch induzieren sie eine andere Vorstellung von Zukunft: Survivalists wollen diese Welt überleben und nicht nur ihr Ende – und wenn es sein muss, auch ganz alleine. Denn der Schwerpunkt liegt darin, als Einzelne*r in der Wildnis Schwedens am Leben zu bleiben, und zwar, wie erwähnt, ohne Filmcrew. Erzählt wird nicht etwa, dass soziale Unterstützung o. Ä. bei dieser Aufgabe von Nutzen sein könnte, stattdessen ist es das einsame überlebende Subjekt, das privilegiert wird. Die in 7 vs. Wild inszenierten Verflechtungen des „Überlebensaktes“ enthalten immer auch etwas Schmerzhaftes, Unangenehmes oder Erniedrigendes, da z. B. „eigene Bestrafungen“ in den Tageschallenges Teil des Konzepts sind. Neben dem Bestraftwerden durch stets noch mehr Herausforderungen, ist jedoch die Einsamkeit in der Isolation Schwedens für alle Teilnehmenden ein unnatürlicher und unerwünschter Zustand. So entsteht ein Kippbild zwischen freiwilligem Alleinsein als Inbegriff einer souveränen Bewegungsfreiheit und dem Gefühl, sich mehr Menschen in der Nähe zu wünschen, als mensch tatsächlich in der Wildnis Schwedens in der Nähe weiß: Hierin entwickelt die Einsamkeit ihre Macht. Wer sich aufgrund der Corona-Pandemie selbstisoliert hat, weiß, dass mit Distanz normalerweise Berührungslosigkeit einhergeht. Die Kamera, die sich fast durchgehend am Körper der Teilnehmenden befindet, ist zweifellos ein Substitut für menschliche Beziehungen und Berührung. Wie bereits thematisiert richtet sich die Action-Cam wie in The-Blair-Witch-Project-Manier zum überwiegenden Teil auf die Survivalists selbst. Aus einem einfachen wie auch komplizierten Grund: „Weil Berührung auf Distanz auch berührt“ (Thadden 2018, S. 115). Aber das Format lagert nicht nur die Generalprobe „des Flauschigkeitsverlusts“ bzw. „des gesamten Zusammenbruchs“ an die Survivalists aus und lässt die Kandidat*innen dies für die Zuschauer*innen auf der Couch stellvertretend erleben, sondern alle vor oder hinter der Kamera üben sich in moderner Distanzierungspraxis – liebevoll in der Hand gehalten wird allenfalls das Smartphone. Indes berührte mich 7 vs. Wild auch persönlich. Schließlich gab mir die Show die Vorstellung von einem nackten, einsamen, isolierten Leben, das nur noch die eigene Erhaltung zum Ziel hat (vgl. Horn 2014, S. 229). Damit kann die Show als ein Experiment betrachtet werden, das einen Handlungsspielraum offenbart, der angesichts schwerer Entscheidungen weder Rechtfertigungen noch eine große Bandbreite an Lösungen, die mehr umfassen als ein selbstbezogenes, trostloses und weltabgeschiedenes Dasein, vorsieht. Doch braucht es gerade jetzt reiche und mannigfaltige Ideen für ein umfassendes Krisen- bzw. Katastrophenmanagement genauso wie eine vielfältige Vorstellung von Zukunft, die über das reine Überleben eines weißen, männlichen Subjekts hinausgeht. Abschließend formuliere ich meine Konklusion mit Sibylle Bergs (2015) klaren Worten: Dank 7 vs. Wild und mithilfe unserer Bildschirme haben wir „[…] für Sekunden in die Hölle geblickt und sind gerade noch einmal davongekommen. Einsamkeit [respektive eine einsame angestrebte Existenzweise] ist schlimmer, als gestorben zu sein.“

Referenzen

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