von Clara Steinfels, 11.11.2025
„In der Dokumentarfilmabteilung meiner Hochschule waren nur Männer: zwei Professoren, die drei Assistenten. Heute unvorstellbar“, erinnert sich Isa Willinger an ihr Filmstudium in München von 2005 bis 2013. Nicht nur sei sie fast ausschließlich von Männern unterrichtet worden – auch inhaltlich waren Regisseurinnen kaum präsent: In Seminaren und Vorlesungen tauchten Werke von Frauen eher selten auf. Als sie später selbst in den Archiven nachsieht, muss sie feststellen: Das liegt nicht daran, dass keine Filme von Frauen existieren. Es gab sie, es gibt sie. Sie werden hier sogar aufbewahrt. Nur werden sie viel weniger gesehen und gezeigt. Da spiegelt der Mikrokosmos der Filmhochschule eine größere Realität, in der Filme von Frauen bestenfalls als Randnotiz abgetan werden.
No Mercy (D/AT 2025), Isa Willingers neuester Dokumentarfilm, ruft hinaus in die Welt: Was ein tragischer Fehler! Ausgangspunkt ist ein schlichter Satz: „Frauen machen die härteren Filme“. Das erwähnt die ukrainische Kult-Regisseurin Kira Muratova einer jungen Isa Willinger gegenüber. Eigentlich nur ein anekdotischer Kommentar – doch bei Willinger brennt er sich ein. Nun, Jahre später, wird in No Mercy aus Muratovas Aussage eine Frage: „Machen Frauen die härteren Filme?“. Und aus dieser Frage wachsen weitere: Was ist Härte? Was sind Frauenfilme? Was macht die weibliche Perspektive aus? Und ist der Zusatz „weiblich“ nicht ohnehin beengend?
Für Willinger ist No Mercy vor allem eine Suche – nach Antworten auf all diese Fragen, aber mehr noch nach Dialog und Austausch. Aus Gesprächen mit über einem Dutzend internationaler Regisseur*innen – darunter Nina Menkes, Virginie Despentes, Monika Treut, Ana Lily Amirpour, Alice Diop und Catherine Breillat – entsteht ein gnadenloses, dicht geschnittenes Mosaik aus Frauen*-Stimmen, Willingers eigenen Reflexionen und Ausschnitten vieler kompromissloser Filme aus der Hand von Filmemacher*innen. Ein Film von Frauen, über Frauen – aber doch idealerweise für alle. Und nach der Vorführung von No Mercy zur Viennale 2025 höre ich um mich herum vor allem ein Fazit: „Ich will all diese Filme sehen!“
Ich hatte die Gelegenheit, mit Isa Willinger zu sprechen. Und wollte sie nutzen, um ihr – schließlich selbst eine Frau, die Filme macht – einige ihrer eigenen Fragen zurückzugeben und sie weiterzuführen.
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Clara Steinfels: Nachdem du nun so vielen Filmemacher*innen diese Frage gestellt hast – was meinst du selbst: Machen Frauen die härteren Filme?
Isa Willinger: Es kommt sehr stark darauf an, was Härte bedeutet. Wahrscheinlich trifft es nicht zu, wenn man nur Filme meint, in denen extrem viel Blut spritzt – wobei es die natürlich auch gibt. Aber, wenn man Härte eher als eine Art Ehrlichkeit über bestimmte Situationen sieht, in denen sich Frauen eben manchmal befinden, dann würde ich sagen: Ja. Sie berichten auf eine schonungslos ehrliche Art darüber, wie es Frauen und Mädchen teilweise auf der Welt geht.
CS: Das heißt, für dich ist Härte Ehrlichkeit? In No Mercy ist es schließlich ein durchaus ambivalenter Begriff, der alles von Schonungslosigkeit über Gewalt bis zu struktureller Härte im System oder Leidenschaft meinen kann.
IW: Genau, zu dem Schluss bin ich in dem Film gekommen. Bei Ehrlichkeit läuft für mich am meisten von dem zusammen, was ich gesehen habe. Ich fand aber auch, dass zum Beispiel Nina Menkes eine sehr interessante Definition gibt. Im Film sagt sie, sie habe das Gefühl, wenn eine Regisseurin die sexualisierte Frau, also die Frau als Sexobjekt, aus dem Skript streicht, dann wirkt ein Film sofort hart. Dass dieses Gefühl von Härte in Relation zu dem entsteht, was wir gewohnt sind zu sehen. Härte wird im Film also dort empfunden, wo ein zentrales Element des Mainstream-Kinos – wie etwa die sexy Frau – fehlt.
CS: Du bringst hier nochmal einen anderen Blickwinkel mit als viele deiner Gesprächspartner*innen – du machst keine Spiel-, sondern Dokumentarfilme. Würdest du sagen, dokumentarische Filme können auch hart sein – und falls ja, wie?
IW: Auf jeden Fall. Zum Beispiel auch formal radikal – oder sehr unsentimental. Und sie können natürlich auch mit Härte auf ein Sujet blicken. Aber ich finde, es ist viel diffuser. Beim Dokumentarfilm geht es sehr viel um Haltung, und Haltung ist eher zwischen den Zeilen lesbar. Würde ich dieselben Fragen an Dokumentarfilmerinnen stellen, wäre das Ergebnis wahrscheinlich ein ganz anderer Film. Du bist von Anfang an anderen Gesetzen unterworfen. Zum Beispiel musst du, weil du mit echten Menschen arbeitest, in den allermeisten Fällen eine besondere Empathie mitbringen, und du musst ihre Würde erhalten. Im Spielfilm kannst du mit fiktiven Welten in gewisser Weise alles machen, du kannst offene Gewalt zeigen. Im Dokumentarfilm ist das so nicht möglich. Du müsstest eingreifen, wenn jemandem Gewalt widerfährt (außer in einer Kriegssituation, wo du das nicht kannst.)
CS: Die Diskussion von Härte als Gewalt ist in No Mercy sehr eindrücklich. Zwar kann Gewalt, gerade wenn sie von Frauen gezeigt oder von Frauenfiguren ausgeübt wird, befreiend wirken oder einen Machtausgleich darstellen. Allerdings hattest du auch Gesprächspartner*innen, die das ablehnen. Für Marzieh Meshkini beispielsweise muss Härte nicht gleich Gewalt sein. Joey Soloway überträgt das auf die Produktionsebene: Gegenüber dem traditionellen, patriarchal geprägten Filmset voller Geschrei, Action und Hektik beschließt er für sich, das eigene Set als Safe Space zu gestalten. Und auch Céline Sciamma lehnt Gewalt grundsätzlich ab – als regressive Reproduktion patriarchaler Muster. Meinst du, es kann auch hart sein, gerade auf Härte im Sinne von Gewalt zu verzichten?
IW: Ja, absolut. Es ist sehr konsequent, wie Céline Sciamma zum Beispiel in ihren letzten Filmen auf Härte, Gewalt oder auch auf größere Konflikte zwischen den Figuren – die für sie auch eine Form von Gewalt sind – verzichtet. Das hat etwas sehr Radikales. Wieder: Es ist immer in Relation zu dem, was davor da war. Wenn jemand mutig ist und sich komplett gegen erzählerische Konventionen wendet und das so durchzieht, steckt da eine wahnsinnige Kraft und Entscheidungshärte dahinter.
CS: Ich würde No Mercy durchaus auch als harten Film beschreiben. Schonungslose Ehrlichkeit und gewaltvolle Bilder sind zentrale Elemente. War es dein Ziel, in No Mercy selbst Härte zu beweisen?
IW: Nein. Das war tatsächlich kein bewusstes Ziel. „Ich will jetzt einen harten Film machen“, wäre mir auch zu aufgesetzt und zu einfach gewesen. Für mich war das eine Suche, eher eine essayistische Suche, auf die ich auch selbst gehen musste – in meine eigene Biografie und all das. Das stand für mich im Vordergrund: die Suche und der Erkenntnisgewinn – nicht die Härte selbst. Was aber passiert ist, ist, dass zum Beispiel die Editorin teilweise relativ hart geschnitten hat – womöglich teilweise auch aus einem bestimmten Bewusstsein heraus. Doch ich finde, No Mercy hat nicht nur Härte, sondern auch viel Poesie. Es gibt immer wieder Stellen, in denen man in eine Reflexion kommt – das finde ich poetisch. Am Ende ist es vielleicht eine Mischung aus Härte und Poesie.
CS: Apropos Schnitt: Ich hatte oft das Gefühl, dass deine Gesprächspartner*innen nicht nur mit dir, sondern auch indirekt miteinander oder gegeneinander sprechen, obgleich du sie separat interviewt hast. Wie wichtig war es dir, dass die Gespräche auch miteinander funktionieren und aufeinander eingehen?
IW: Dass sie in so einen Dialog treten – das war eigentlich von Anfang an das Ziel. Schon im Exposé stand, dass es Szenen geben soll, in denen sie durch die Montage wie „miteinander“ reden oder sich widersprechen. Die Umsetzung war allerdings schwierig. Wenn man innerhalb der Filmdramaturgie von Anfang an so arbeitet, kann es schnell passieren, dass alle nur zwei Sätze sagen – dann bleibt es oberflächlich und zu „statement-driven“. Und das wollte ich nicht. Ich komme nicht aus der Tradition des amerikanischen, sondern aus der Tradition des europäischen Dokumentarfilms. Mir geht es darum, den Menschen nahezukommen und sie in ihrer Komplexität zu zeigen. Deshalb haben wir jeweils die erste Szene mit einer Figur etwas länger gemacht – damit sie zunächst einige Minuten zu erleben ist – und erst später im Film O-Töne und Statements schneller miteinander verwoben.
CS: Wie ging es dir damit, dich selbst als Off-Stimme einzubringen? Du meintest, die persönliche Komponente habe sich eher eingeschlichen?
IW: Ja, genau. Die war definitiv viel schwächer geplant. Ich dachte eigentlich, das wird ein Film über Regisseurinnen, die im Schnitt in einen Dialog über bestimmte Themen kommen. Der Plan war: Ich bin am Anfang kurz als Stimme da, erzähle von meiner Begegnung mit Muratova und bringe dieses Zitat von ihr ein. Und dann, dachte ich, könnte ich verschwinden und die anderen reden lassen. In den ersten Schnittversionen hat man jedoch gemerkt: Meine Motivation hat gefehlt. Warum will die Person, deren Stimme man zu Beginn ohnehin hört, das Ganze überhaupt erzählen? Es war schon ungewohnt, mich selbst zu einer Figur zu machen, aber am Ende bin ich da relativ pragmatisch, es muss halt funktionieren. Durch die persönliche Komponente hat der Film eine weitere Tiefe bekommen. Der ganze Montageprozess war für mich extrem lehrreich. Ich habe sehr viel über das Filmemachen gelernt.
Auch die Figur Kira Muratova spielte in den ersten Fassungen – wie ich – eine viel kleinere Rolle. Mir war gar nicht klar, dass es interessanter wird, wenn sie mehrmals auftaucht und man im Film zu ihr zurückkehrt. Das habe ich erst im Prozess verstanden.
CS: Im Film erzählst du, Kira Muratova habe den Zufall geliebt. Toll, dass Zufall und Veränderung in der Entstehung von No Mercy auch so eine wichtige Rolle gespielt haben.
IW: Ja, total. Und das ist, glaube ich, eine Lebenslektion, die das Filmemachen Muratova beigebracht hat – dass man dem Zufall entgegengehen sollte. Man ist oft versucht, stur seinem geplanten Weg zu folgen, aber ich finde das eine wundervolle Devise: aufs Leben zu reagieren, statt zu glauben, man hätte alles unter Kontrolle. Man ist einfach Teil eines beweglichen Systems. Es ist eher wie ein Tanz, etwas Dynamisches.
CS: Also spiegelt dein Filmemachen irgendwo auch deine Art zu leben?
IW: Ja, ich glaube, das ist eine Mischung. Natürlich musst du versuchen, deinen Weg zu gehen – gerade beim Filmemachen, wo du stark für deine Idee kämpfen musst. Ich bin schon jemand, der sich Ziele setzt und versucht, sie zu erreichen. Aber die Lektion, offen zu sein für das Zufällige, das Ungeplante – war für mich persönlich ein sehr wichtiger Gedanke. Den versuche ich stärker ins Leben zu integrieren.
CS: Du meintest, die Arbeit an No Mercy war für dich fast wie eine zweite Filmschule. Während deines tatsächlichen Filmstudiums in München haben Frauen keine so große Rolle gespielt. Wie ist dein Eindruck – ist es an den Filmschulen besser geworden?
IW: Das ändert sich auf jeden Fall. Mittlerweile hat die Professur für Dokumentarfilm an der Hochschule in München eine Frau inne. Auch in der Spielfilmabteilung versuchen sie, diverser zu werden – das ist wirklich gut. Was die Ausbildungsstrukturen betrifft, ist es also deutlich besser geworden.
CS: Wie sieht es in der Filmlandschaft aus?
IW: Da gibt es noch Baustellen. Arbeiten von Regisseurinnen werden kulturell immer noch nicht mit der gleichen Wertschätzung bedacht, wie die ihrer männlichen Kollegen. Ich kann mir zum Beispiel kaum vorstellen, dass ein männlicher Zuschauer einem anderen Mann einen Film einer Regisseurin empfiehlt. Stattdessen werden Tarantino und all die „üblichen Typen“ empfohlen. Aber dass jemand sagt: „Hast du den neuen Andrea Arnold oder Kelly Reichardt gesehen?“ – das passiert kaum. Es gibt natürlich Ausnahmen. Zum Beispiel Titane (F 2021) von Julia Ducournau, der 2021 in Cannes die Goldene Palme gewonnen hat. Aber das ist, finde ich, auch ein Film, der stark ein männliches Publikum anspricht. Manche Regisseurinnen können die Sprache des Mainstream-Kinos gut bedienen. Wobei Ducournau etwa mit ihren genderfluiden Elementen oder der Verbindung von Mensch und Maschine ja auch erweitert oder radikalisiert. Ich will auch Mascha Schilinski erwähnen und ihren Film In die Sonne schauen (D 2025). Es ist ein besonderer Film, der die Erfahrung von Frauen ins Zentrum stellt und eine andere Bildsprache entwickelt, als wir sie aus dem Mainstream kennen. Wenn ein solcher Film allerdings nicht wirklich groß besprochen und positiv aufgenommen wird, hätte er kaum eine Chance. Er braucht die Gewichtung – etwa durch Cannes –, um dann auch vom männlichen Publikum ernst genommen zu werden. Filme von Frauen werden noch immer anders gelesen, sobald man weiß, wer Regie geführt hat.
CS: No Mercy macht Lust auf diese Filme, wirkt fast wie ein geöffnetes Archiv, das zum Weitersehen einlädt. War das auch deine Hoffnung?
IW: Das habe ich mir tatsächlich gar nicht so bewusst vorgenommen. Sicher ist: Ich habe meinen filmischen Kanon, mein Imaginäres durch die Arbeit am Film erweitert und habe viele Filme entdeckt. Und das spiegelt sich wahrscheinlich in No Mercy wider. Bei der ersten Vorstellung wurde ich sofort gefragt, ob ich eine Liste mit den Filmtiteln habe – weil man sie ja im Kino nicht mitschreiben kann. Diese Entwicklung freut mich natürlich sehr. Die Verleiher stellen jetzt Listen zusammen, die online verfügbar sein werden, wenn der Film ins Kino kommt. Und die beiden Verleihe in Deutschland und Österreich wollen auch Filmreihen an No Mercy anknüpfen.
CS: In No Mercy fragst du deine Gesprächspartner*innen, wie es ihnen mit dem Label „Female Filmmaker“ geht. Die Betonung von „Female“ soll Frauen wohl sichtbar machen, hervorheben, doch gleichzeitig bedeutet eine solche Absonderung oft auch Abwertung. Mouly Surya mochte es erst gar nicht, hat das Label aber später für sich angenommen. Andere Regisseur*innen – etwa Ana Lily Amirpour – lehnen es komplett ab. Sie würde auch nie betonen, dass ihre Figuren „weibliche Figuren“ sind. Genauso waren es für Muratova stets einfach Figuren, keine Frauenfiguren. Wie siehst du das persönlich? Verstehst du dich als „Female Filmmaker“ oder einfach als „Filmmaker“?
IW: Ich verstehe beide Seiten. Man will keine Extrarolle spielen, sondern genauso wahrgenommen werden wie alle anderen – nicht in einer eigenen Schublade. Mich ärgert es auch, wenn No Mercy auf Festivals in einer Sonderreihe läuft. Da passiert genau das, was eigentlich schade ist: Es gibt dann eine feministische Reihe oder Frauenreihe, und das Publikum besteht wieder nur aus denen, die ohnehin interessiert sind. Das finde ich tatsächlich bedauerlich. Einige Regisseurinnen wollten deswegen auch gar nicht unbedingt bei No Mercy dabei sein. Ana Lily Amirpour zum Beispiel meinte gleich, es solle doch auch ein Typ im Film vorkommen – damit es nicht heißt, das seien „diese Frauen, die da über Feminismus reden“. Das kann ich absolut nachvollziehen. Aber gleichzeitig leben wir in einer gesellschaftlichen Situation, in der eben noch nicht alles gerecht ist – nicht jede*r bekommt die gleiche Anerkennung, die gleichen Chancen. Deshalb finde ich es manchmal sinnvoll, eine bestimmte Gruppe herauszugreifen und über Themen zu sprechen, mit denen sie besondere Erfahrungen hat. Aber ja, ich kann beide Positionen verstehen.
CS: Ich persönlich finde es schön, dass in No Mercy vorrangig weiblich gelesene Personen zu Wort kommen. Auch den Abspann voller weiblicher Namen fand ich bewegend. Wie wichtig war es dir, mit Frauen zusammen zu arbeiten – gerade bei diesem Film, aber auch in deiner bisherigen Arbeit?
IW: In der Vergangenheit war das unterschiedlich. Generell finde ich gemischte Teams tatsächlich am besten. Bei No Mercy waren deutlich mehr Frauen beteiligt als sonst, und vor allem in Positionen, in denen sie selten zu finden sind: Wir hatten nur Tonfrauen, eine Sounddesignerin, eine Frau fürs Color Grading – das ist wirklich ungewöhnlich. Es gab Männer im Team. Aber es war mir wichtig, möglichst viele Frauen zu besetzen – auch als politisches Statement. Frauen, die in diesen Positionen ohnehin weniger Chancen haben, sollten gezielt die Möglichkeit bekommen, ihre Arbeit zu zeigen. Manchmal muss man nur etwas länger suchen – weil es weniger gibt oder weil sie seltener gefragt werden, und vielleicht auch, weil sie Kinder haben und deshalb nicht so aktiv präsent sind. Ich möchte künftig gezielt schauen: Welche Frauen gibt es da? Ich finde, es lohnt sich.
CS: Da schließt natürlich auch die Frage an: Ergibt sich mit Frauen in der Produktion oder in der Regie auch ein anderer Blick? Der Begriff „Gaze“ fällt in No Mercy häufiger – zunächst im Kontext des etablierten und viel kritisierten „Male Gaze“, dann in der Frage nach einem „Female Gaze“. Céline Sciamma beschreibt den Male Gaze als Machtstruktur. Mit diesem Hintergrund lehnt Nina Menkes die Idee eines Female Gaze grundsätzlich ab. Gibt es für dich einen Female Gaze?
IW: Das ist wirklich eine Frage, die für mich nach wie vor offen ist. Bei einem Film wie In die Sonne schauen – von zwei Drehbuchautorinnen und einer Regisseurin – denke ich mir: Hätten den auch Männer drehen können? Wahrscheinlich nicht. Zumindest nicht hier und jetzt. Man könnte also sagen, dass Frauen aus ihrer spezifischen sozialen und vielleicht auch körperlichen Erfahrung heraus eine andere Perspektive auf gewisse Dinge haben. Gleichzeitig lassen sich Filmsprachen auch lernen. Wir besitzen die Fähigkeit zur Einfühlung und Fantasie – und wenn wir es wollen, können wir uns in andere Menschen hineinversetzen. So gesehen könnte theoretisch jede*r alles machen. Allerdings erscheint mir de Female Gaze auch unnötig einengend. Der Begriff bleibt sehr binär – männlich, weiblich – und blendet aus, wie unterschiedlich wir in Wahrheit alle sind. Vielleicht sollte man ihn als Anfang einer Konversation verstehen, aber nie als ihren Schlusspunkt.
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Auch No Mercy ist kein Schlusspunkt.
Für mich ist es ein harter Film – ohne jedoch seine Poesie zu verlieren. Ehrlich und offen für Reibung. Er konfrontiert, legt frei und lässt sprechen – lässt Frauen* sprechen. Dabei hält er Gegensätze aus, statt sie zu glätten, und vertraut auf die Kraft des Dialogs. Ziel ist weniger die Antwort als der Prozess, der auch über die Grenzen des Films hinausgehen darf und soll.
Zurück bleibt ein Katalog an Impulsen. Darunter: „All diese Filme sehen!“
La Feé aux Choux, R: Alice Guy-Blaché, FR 1896.
Korotkie vstrechi, R: Kira Muratova, SU 1967.
Dolgie provody, R: Kira Muratova, SU 1971.
Une vraie jeune fille, R: Catherine Breillat, FR 1976.
Unsichtbare Gegner, R: Valie Export, AT 1977.
Jeanne Dielman, 23, quai du Commerce, 1080 Bruxelles, R: Chantal Akerman, BE/FR 1978.
Gebroken spiegels, R: Marleen Gorris, NL 1984.
Sans toit ni loi, R: Agnès Varda, FR 1985.
Verführung: Die grausame Frau, R. Monika Treut, BRD 1985.
Magdalena Viraga, R: Nina Menkes, US 1986.
Komplizinnen, R: Margit Czenki, BRD 1987.
Peremena Uchaste, R: Kira Muratova, SU 1987
Die Jungfrauenmaschine, R: Monika Treut, BRD 1988.
36 Fillette, R: Catherine Breillat, FR 1988.
Business as Usual, R: Lezli-An Barrett, UK/US 1988.
Born in Flames, R: Lizzie Borden, US 1988.
Astenicheskiy sindrom, R: Kira Muratova, SU 1989.
Female Misbehavior, R: Monika Treut, D/US 1992.
Welcome II the Terrordome, R: Ngozi Onwurah, US 1993.
Antonia, R: Marleen Gorris, NL 1995.
Try istorii, R: Kira Muratova, RU/UA 1997.
Romance X, R: Catherine Breillat, FR 1999.
Roozi ke zan shodam, R: Marzieh Meshkini, IR 2000.
Baise-Moi, R: Virginie Despentes, FR 2000.
À ma sœur!, R: Catherine Breillat, FR 2001.
Vtorostepennye lyudi, R: Kira Muratova, UA 2001.
Naissance des Pieuvres, R: Céline Sciamma, FR 2007.
Monster, R: Patty Jenkins, US 2008.
Pornoprotokolle, R: Isa Willinger, D 2009.
Dokhtari dar šab tanhâ be xâne miravad, R: Ana Lily Amirpour, US 2014.
I Love Dick, R: Joey Soloway, US 2016.
Marlina Si Pembunuh dalam Empat Babak, R: Mouly Surya, ID 2017.
Portrait de la jeune fille en feu, R: Céline Sciamma, FR 2019.
Promising Young Woman, R: Emerald Fennell, US 2020.
Mona Lisa and the Blood Moon, R: Ana Lily Amirpour, US 2021.
Petite Maman, R: Céline Sciamma, FR 2021.
Titane, R: Julia Ducournau, FR/BE 2021.
Saint Omer, R: Alice Diop, FR 2022.
Sira, R: Apolline Traoré, FR 2022.
Brainwashed: Sex-Camera-Power, R: Nina Menkes, US 2022.
In die Sonne schauen, R: Mascha Schilinski, AT 2025.
No Mercy, R: Isa Willinger, D 2025.
Die Filmliste basiert auf dem Abspann von No Mercy.